München – Im Profi-Trakt des FC Bayern kann man sich nicht allzu gut aus dem Weg gehen. Aber: Man will es auch gar nicht. Es ist in den vergangenen Tagen schon das eine oder andere Mal passiert, dass einer der involvierten Parts in die inzwischen doch sehr weitreichende „Causa Neuer“ dem Haupt-Protagonisten begegnet ist. Keineswegs, so ist zu hören, wurde da auf dem Treppenabsatz kehrt gemacht. Hält Neuer sich zur Reha an der Säbener Straße auf, ist er auch Teil des Teams. Man grüßt einander, man tauscht sich aus. Und das, obwohl der Rundumschlag via Interview noch nicht mit einer Aussprache, einer Entschuldigung oder der zu erwartenden Geldstrafe ad acta gelegt worden ist.
Dieses Gespräch ist angesetzt, die Bosse um Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic wollen den Fall – zumindest offiziell – vom Tisch haben. Wohl aber eher nach dem Kracher gegen PSG, um die Spielvorbereitung nicht zu stören. Neuer allerdings blickt all dem betont entspannt entgegen. Die Luft musste raus, nach Informationen unserer Zeitung aber konzentriert sich der 36-Jährige seit Samstag, dem Morgen nach seinen Aussagen, wieder auf das Wesentliche. Die erwartbaren Reaktionen hat er vernommen, mehr nicht. Und der Fokus richtet sich nach der Klarstellung der Dinge, die seiner Ansicht nach zu seinen Ungunsten verrutscht waren, auf die Reha – und das Ziel, das nach wie vor besteht: im Sommer ins Tor des Rekordmeisters zurückzukehren. Als Nummer eins. Und eigentlich auch als Kapitän.
Daran, ob das nach dem als Tabubruch geltenden Interview noch möglich ist, scheiden sich die Geister. Nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch intern. „Alles, was ich da sehe, gefällt mir nicht mehr“, sagt einer, der Jahrzehnte lang dabei war; die Granden des Clubs beäugen den Fall genauso wie Neuers langjährige Weggefährten. Auch Thomas Müller etwa ist nicht entgangen, dass Neuer nach Robert Lewandowski der zweite Leistungsträger ist, der die Führungsetage zuletzt harsch anging. Das Familiäre, raunt man hinter vorgehaltener Hand – und im Neuer-Lager auch davor – sei abhandengekommen. Müller äußerte sich daher diplomatisch zum brisanten Fall, während Joshua Kimmich bestätigte: „Jeder hat seine persönliche Meinung dazu.“ Seine ist dabei besonders interessant.
Es ist ja kein Geheimnis, dass Kimmich, seit 2015 im Verein, als designierter Kapitän des Branchenführers gilt. Karl-Heinz Rummenigge gab ihm diesen Titel schon vor drei Jahren – seitdem ist klar, dass die Stunde des Mittelfeld-Regisseurs schlägt, wenn Neuer irgendwann nicht mehr dabei sein wird. Hinter den Kulissen wurde der Mechanismus beschleunigt, Kimmich wird da längst als „Kapitän ohne Binde“ bezeichnet. Dass Julian Nagelsmann ihn schon seit seinem Amtsantritt als verlängerten Arm auserkoren hat – und mit ihm deutlich öfter und intensiver das Gespräch sucht als mit Neuer – ist nicht nur dem Keeper aufgefallen.
Seit Neuers Verletzung führte Kimmich die Bayern zweimal als Kapitän aufs Feld, auch in der Champions League aber war er vor der WM-Unterbrechung in drei von sechs Gruppenspielen Spielführer. Und sollte Nagelsmann gegen PSG kommende Woche auf Müller verzichten, wartet da die Reifeprüfung. Die Gelb-Rote Karte aus Wolfsburg passte den Bayern daher gar nicht in den Kram. Dass Kimmich am Wochenende gegen Bochum eine Pause kriegt, mag ja okay sein. Dass er dann aber am Dienstag im Prinzenpark von null auf 100 starten – und ein Team mitreißen – muss, ist äußerst unglücklich.
Eine gemeinsame Generalprobe vor dem Spiel des Jahres hätte gutgetan. Zumal man in so eine Rolle ja mit jedem Spiel mehr wächst. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass von den langjährigen Bayern-Kapitänen lediglich Franz Beckenbauer (25), Klaus Augenthaler (27) und Philipp Lahm (28) unter 30 Jahre alt waren, als sie das Amt übernahmen. Ansonsten: Lothar Matthäus und Oliver Kahn 33, Stefan Effenberg und Marc van Bommel 31. Und auch Manuel Neuer 31. Ob mit 36 für ihn Schluss ist, ist ihm übrigens nicht so wichtig. Die K-Frage sieht er als Nebenkriegsschauplatz der Grundsatzdebatte.