München – Insgesamt fünf Jahre (2001-2005 und 2013/14) stand Peter Neururer an der Seitenlinie des VfL Bochum. Der 67-Jährige ist ein Kind des Ruhrgebiets – und hat aktuell große Freude beim Blick auf seinen Ex-Club. Warum, erzählt er im Interview.
Herr Neururer, haben Sie am Mittwoch DFB-Pokal geschaut?
Natürlich. Sogar im Stadion, Bochum gegen Dortmund. Tolle Stimmung, gutes Spiel.
Was überwiegt aus Bochumer Sicht: die Enttäuschung oder der Stolz, den BVB gekitzelt zu haben?
Wenn man so weit kommt, dass man stolz ist, einen Konkurrenten aus der selben Liga herausgefordert zu haben, ist irgendetwas schiefgelaufen (lacht). Aber im Ernst: Der VfL hat gut gespielt, seine Möglichkeiten ausgeschöpft. Es hat leider nicht gereicht.
Das 1:2 war die erste Heimniederlage unter Trainer Thomas Letsch. Spricht allein die Tatsache für ihn?
So ist es. Und die hat es nun im Pokal gegeben – und nicht in der Liga. Darum geht es für Bochum, die Liga zu halten. Der Pokal ist ein Zubrot.
In zwölf Spielen unter Thomas Letsch holte der VfL 18 Punkte – nur Sie können das toppen: In Ihren ersten zwölf Bochumer Liga-Spielen holten Sie 20.
Ehrlich? Das ehrt mich. Ich denke gerne an Bochum zurück, ich habe da schon tolle Zeiten gehabt.
Das letzte Spiel gegen Bayern endete 0:7. Warum passiert das diesmal nicht?
Weil Bochum im Moment wieder spielt, wie Bochum spielt. Und weil ich hoffe, dass sie nicht in den Wahn verfallen, mitspielen zu wollen. Denn dann kriegen sie eine richtige Klatsche. Und das kann der VfL im Moment gar nicht gebrauchen. Sie sollten in München nicht ihr Gesicht verlieren.
Dafür heißt es malochen, kratzen, beißen?
Das machen, was man kann. Die Punkte, die Bochum braucht, kriegen sie nicht bei Bayern. Da verliert im Normalfall jeder Abstiegskandidat. Die müssen gegen Schalke, Stuttgart und andere gewinnen. Das machen sie im Augenblick sehr gut. Ich finde die Ausgangssituation – aus eigener Kraft die Liga halten zu können – sensationell.
Die pfeilschnellen Bochumer Angreifer sorgen für richtig Furore. Können Asamo, Gamboa, Holtmann und Co. die Bayern auf den Sturm von Paris einstimmen?
Um Gottes Willen (lacht)! Wir können doch nicht Bochum mit Paris vergleichen. Das ist eine andere Sportart! Aber sie können mit Tempo über die Flügel dafür sorgen, dass Bochum die Liga hält. Und das wäre ja schon mal was.
Zu Ihrer Zeit schaffte Bochum den Aufstieg – und spielte später international. Wäre so etwas heute auch noch möglich?
Der Aufstieg war ja schon ein Wunder. Wir waren zig Punkte hinter Mainz, damals mit Jürgen Klopp. Danach ging es darum, die Liga zu halten. Das war auch noch mal ein Wunder. Und im dritten Jahr wollten wir auch nur drin bleiben -– und kamen in den UEFA-Pokal. Heute wäre so etwas nicht mehr möglich. Die Kluft nach oben ist groß.
Sie haben den schönen Satz gesagt: „Zwischen Dortmund und Schalke ist noch Platz genug für Bochum.“ Hat man den eingenommen?
Im Augenblick steht Bochum weit über Schalke. Und zwar nicht nur in der Tabelle, sondern in der Wahrnehmung, in der Öffentlichkeit, überall!
Würden Sie Bochum noch mal trainieren?
Ich habe immer gesagt, dass ich nur noch Köln und Schalke trainieren würde. Aber wissen Sie, was gestern Abend passiert ist?
Erzählen Sie!
Der ehemalige Vorstand, der mich damals wegen „geschäftsschädigendem Verhalten“ rausgeworfen hat, hat sich bei mir entschuldigt. Acht Jahre später! Ich war sehr überrascht, kann aber sagen: Ich habe die Entschuldigung angenommen – und würde auch wieder den VfL trainieren. Aber ansonsten habe ich keine Lust mehr, Trainer zu sein. Ich möchte nur noch mit Leuten arbeiten, von denen ich weiß, wie sie arbeiten, was ich von ihnen erwarten kann, wie die Voraussetzungen sind. Das wäre bei Schalke, Köln und Bochum der Fall.
In München wäre bei 1860 eine Stelle vakant…
Kurioserweise wollte ich mit Sicherheit vier, fünf, sechs, sieben Mal zu den Löwen. Das ist ein Verein für mich, den man richtig aufblühen lassen kann. Sechzig ist eine geile Nummer! Aber es kam nicht dazu – und jetzt kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass die Löwen meine Gedanken umsetzen könnten.
Auch bei den Bayern geht es viel um den Trainer. Was halten Sie – als Vertreter der „alten Garde“ – von Julian Nagelsmann?
Er war sehr erfolgreich in Hoffenheim, hat als Nachwuchstrainer tolle Arbeit gemacht, war im Rahmen seiner Möglichkeiten erfolgreich in Leipzig – und ist jetzt beim besten Verein Europas bzw. der Welt. Da muss er noch unter Beweis stellen, dass er seine bisher supertolle Arbeit in diesem Bereich weiterführen kann. Dabei ist er gerade.
Er merkt: in München zählen nur Titel. Was passiert denn, wenn Bayern wieder „nur“ Meister wird?
Dass es in der Bundesliga so eng ist, kann nicht am Trainer liegen. Mit der Mannschaft ist man in Deutschland so weit überlegen, dass man eigentlich schon in drei, vier Wochen Meister sein müsste. Für mich liegt das an den Umständen, an der Unruhe um Gnabry, Neuer – Trallala, hin und her. Da hast du als Trainer keine Chance mehr. Dann läuft das Ding so weiter. Und zwar nicht gut.
Entscheidet die Champions League das Trainerschicksal?
Noch mal erfolglos zu sein, noch mal auszuscheiden wie gegen Villarreal? Das wird Julian Nagelsmann nicht bei Bayern München überstehen. Das kann ich mir nicht vorstellen.
Bochum ist also jetzt der ultimative Stresstest?
Für Bayern wäre eine Niederlage ein Problem. Ein richtiges. Ein ganz großes. Ohne Selbstvertrauen nach Paris zu fahren – das wäre fatal.
Interview: Hanna Raif