München – Das persönliche Ende bei Union Berlin kam für Jens Keller überraschend: Im Dezember 2017 musste der heute 52-Jährige als Tabellenvierter der zweiten Liga gehen. Heute blickt er trotzdem begeistert auf den Verein, der am Sonntag zum Spitzenspiel beim FC Bayern anreist. Im Interview blickt der derzeit vereinslose Coach, der als Spieler einst auch für den TSV 1860 aktiv war (1992 – 1995), zurück auf seine Union-Zeit – und nach vorne.
Herr Keller, wenn man Ihnen am Anfang der Saison gesagt hätte, dass Bayern und Union am 22. Spieltag punktgleich um die Spitze spielen: Was hätten Sie geantwortet?
Ob Sie wahnsinnig sind (lacht).
Und was sagen Sie jetzt?
Spaß beiseite: Bei Bayern hätte ich mir vorstellen können, dass sie an der Spitze stehen. Bei Union nicht. Die spielen eine unfassbare Saison. Immer wenn man gedacht hat, sie brechen vielleicht ein, die haben überperformt, beweisen sie es einfach wieder. Sie stehen zu Recht da. Das hat nichts mit Glück zu tun.
Weil die Bayern schwächeln – oder weil Union tatsächlich so gut ist?
Die anderen Vereine hätten ja die gleichen Möglichkeiten, da zu sein, wenn Bayern schwächelt. Aber Union macht’s einfach gut, sie liefern, sie gewinnen in der Regel ihre Heimspiele souverän, haben inzwischen ein gewisses Selbstverständnis, dass sie Spiele gewinnen. Sie gehen auch gut damit um, dass sie jetzt oft Favorit sind. Das ist eine Mischung aus angebrachter Demut und einem gesunden Selbstbewusstsein.
Drückt ganz Deutschland Union die Daumen?
Absolut. Als neutraler Fußballer ist das logisch. Und da geht es nicht mal gegen Bayern, sondern darum, dass es mal einen anderen Meister gibt. Das wäre für den deutschen Fußball schon toll, wenn man sieht: Hoppla! Das geht auch noch! Und Union als Meister wäre Wahnsinn. Da würde Köpenick auseinanderbrechen!
Kann man Union glauben, dass sie ihre Saisonziele erst modifizieren, wenn sie 40 Punkte haben?
Das kann man. Das ist keine Masche! Und ich finde es auch völlig legitim, wenn man sieht, mit welchem Budget sie starten. Das Stadion ist klein, sie haben nicht so viele Einnahmen. Und wenn man auch sieht, welche Spieler sie holen: aus der zweiten Liga, aus dem zweiten Glied. Die Ziele sind absolut korrekt.
Was macht der Verein besser als die anderen?
Oliver Ruhnert und sein Team haben eine tolle Transferstrategie. Fast alle Spieler entwickeln sich bei Union weiter, der Trainer tut sein Übriges. Und es ist einfach ein tolles Umfeld. Die Fans haben das Credo, dass sie die eigene Mannschaft niemals auspfeifen, keinen einzigen Spieler negativ bewerten. So kann ein Spieler wachsen, wenn er sich auch mal einen Fehler erlauben kann.
Das Unioner mia san mia?
Diese Fans sind schon einmalig. Unter mir haben wir damals mal 1:4 verloren – aber sie haben die Spieler gefeiert. Wahnsinn! Die machen das, was man sich eigentlich wünscht – und zwar überall: Das habe ich bei keinem anderen Verein so erlebt.
Trainer Urs Fischer sagt: „Keiner nimmt sich zu wichtig.“ Treffen da im Duell mit dem FC Bayern Welten aufeinander?
Was die Bayern in den letzten 20 Jahren erreicht haben, gibt ihnen schon die Legitimation, sich auch mal wichtig zu nehmen. Union hingegen weiß genau, dass sie gerade einen Lauf haben, aber diesen auch nur gemeinsam schaffen können. Da stellt sich keiner in den Vordergrund, das sind andere Spielertypen, ein anderes Gehaltsgefüge, eine andere Medienlandschaft. Union fährt ein bisschen unter dem Radar.
Ist die Idee von Union nicht zu „romantisch“ im kommerziellen System?
Das ist die nächste Herausforderung, die sich stellt: Kann man sich im Erfolgsfall treu bleiben? Und das wird spannend werden! Ich glaube, dass Fans, Verein, Präsident und andere Meinungsträger für diese Idee stehen. Trotzdem ist klar: Je größer der Erfolg ist, umso mehr das Begehren. Und umso wichtiger nimmt sich der eine oder andere dann doch.
Fischer ist nach Christian Streich in der Liga am längsten im Amt. Unterstützt das Ihre These: Trainer werden zu schnell entlassen?
Ein lautes JA! Wenn ein Trainer kommt, hat er eine Idee. Bis er die umsetzen kann, dauert es vielleicht auch zwei, drei Transferperioden. Die muss man dem Trainer aber auch geben. Wenn Trainer nach 13 Spielen entlassen werden, haben die Verantwortlichen vorher ein Problem gehabt. Die einzige Grenze ist die Existenz des Vereins. Aber es wird ja heutzutage alles und immer am Trainer festgemacht.
Wie sehen Sie Julian Nagelsmanns Situation?
Dass er ein toller Trainer ist, hat er in Hoffenheim und Leipzig bewiesen. Aber in München hat er halt einen ganz anderen Fokus von der Öffentlichkeit, da wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Er ist, wie er ist. Und er war auch in Leipzig so. Nur wird es bei Bayern ganz anders bewertet. Er ist jung, er darf Fehler machen. Aber er muss sich bewusst sein, dass er bei Bayern ist. Da muss er sicherlich noch lernen. Das nennt man dann Erfahrung.
Sie waren mit 40 Cheftrainer – welche Fehler haben Sie damals gemacht?
Der Unterschied ist aber, dass ich bis 34 Fußball gespielt habe. Während Nagelsmann seit Anfang 20 Trainer ist. Fehler aber machen alle: Gleich meine erste Pressekonferenz ist mir um die Ohren geflogen. Das war mir damals nicht bewusst, aber ich habe schnell gelernt, meine Wortwahl zu überdenken. Flapsig daherreden – das geht in dem Business nicht gut.
Darf man andere Menschen als „Pack“ beschimpfen?
Nein! Das sind Aussagen, die gehören sich nicht. Und da sind auch Emotionen keine Ausrede.
Es gibt immer strittige Schiedsrichterentscheidungen. Wie kriegt man sich in solchen Momenten in den Griff?
Es gibt da sicher Mechanismen, aber es gibt dahinter auch einen Menschen. Das Problem als Trainer: Wenn du zu wenig Emotionen zeigst, wirst du kritisch beäugt – und wenn du zu viele zeigst, auch. Inzwischen muss man zur Fußballlehrer-Ausbildung fast eine Schauspiel-Ausbildung machen. Weil man in vielen Momenten nicht so sein kann, wie man es fühlt.
Ist das Rückspiel gegen Paris ein Schicksalsspiel? Oder gar Union?
Schon die letzte Saison war nicht so, wie Bayern München sich das vorgestellt hat. Dass er noch da ist, spricht eine deutliche Sprache: Sie halten länger an ihm fest. Ich weiß nicht, ob jeder Trainer eine Saison wie die letzte überlebt hätte. Deshalb glaube ich auch nicht, dass wir jetzt von Schicksalsspielen reden müssen. Man gibt doch einem 35-Jährigen keinen Fünfjahresvertrag, wenn man keine Krisen einkalkuliert. Das wäre ja komplett verkorkstes Management.
Apropos: Union-Präsident Dirk Zingler traut Oliver Ruhnert den Job als Bayern-Manager zu …
Ein Ritterschlag! Bayern ist der beste Verein in Deutschland – und wenn man da seinen sportlichen Leiter sieht, zeigt das, welchen Stellenwert er bei Union hat. Glauben Sie mir aber: Er will ihn nicht abgeben (lacht).
Sonst hätte er mit Serge Gnabry und Leroy Sané zu tun, die auch Sie aus jungen Jahren gut kennen. Sind beide früher schon ungern nach hinten gerannt?
(lacht) Beide sind keine Defensiv-Spezialisten, keine Frage. Aber es gehört halt heute dazu. Und man muss sagen, dass sie beide gelernt haben. Denn Leroy hat den Rückwärtsgang früher wirklich gar nicht gekannt… Heute findet er ihn hin und wieder!
Der Konkurrenzkampf im Mittelfeld ist enorm. Leidtragender ist aktuell Thomas Müller. Ist der Fall besonders knifflig?
Wenn ich sehe, wie er sich trotzdem positiv gibt, sehe ich da noch kein Problem. Er geht mit der Situation unheimlich gut um, sieht das große Ganze – und nicht nur sich. Das ist kein Egoshooter, sondern einer, der alles für den Erfolg der Mannschaft gibt. Die Frage ist: wie lange noch? Als Spieler muss man auch erkennen: Reicht es noch auf dem höchsten Niveau? Oder akzeptiere ich, auch als Ergänzungsspieler wichtig zu sein? Nagelsmann weiß schon, was er an Müller hat. Und dass er sich immer zerreißen wird, wenn er kommt.
Sonst wäre er einer für Union? In die Transfertaktik würde er ja passen …
Stimmt! Das wäre ein absolutes Highlight! Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Thomas Müller noch mal einen anderen Schritt macht. Weil die Bayern ja auch später mal mit ihm planen.
Interview: Hanna Raif