„Es ist unsere Kultur“

von Redaktion

Langlauf-Sportchef Bjervig über Norwegens Erfolgssystem

München – Die 54. Nordische Weltmeisterschaft in Planica hat gerade erst begonnen, doch für Espen Bjervig, den Sportdirektor der norwegischen Langläufer, ist schon jetzt klar wie sie enden wird: Mit seinem Heimatland an der Spitze des Medaillenspiegels. So selbstbewusst kann Bjervig getrost sein – in diesem Jahrtausend ist Norwegen beim kleinen Winter-Olympia ungeschlagen.

Das ist in Skandinavien schon eine Frage der Kultur. Gerade der Skilanglauf ist in Norwegen Volkssport, der Nachschub an Talenten ist enorm. Doch die Gründe für die Erfolgsstory der Nordeuropäer liegen tiefer, wie Bjervig erklärt. Ein Schlüssel der „norwegischen Kultur“ (Bjervig) ist der interne Konkurrenzkampf. Während in allen anderen Nationen die Athleten zumindest für eine Wettkampfperiode gesetzt sind, muss man sich in Norwegen zumindest im Langlauf Woche für Woche aufs Neue beweisen. Der am schlechtesten platzierte Läufer des Aufgebots steigt in die parallel laufende nationale Rennserie ab, deren Nummer eins dann im nächsten Weltcup ran darf.

„Und an diesen Konkurrenzkampf werden die Sportler schon früh gewöhnt“, sagte Bjervig – der 50-Jährige hat das System einst selbst durchlaufen. Eine Sportförderung wie in Deutschland etwa durch Bundeswehr oder Bundespolizei gibt es nicht. Talente genießen zwar frühzeitig eine sportliche Ausbildung auf höchstem Standard. Doch ihren Lebensunterhalt müssen sie selbst sichern. „Viele wären sicher überrascht, mit wie wenig Geld die Sportler auskommen müssen, bis sie wirklich erfolgreich sind“, sagte Bjervig. Wirklich gut gestellt sind nur die Stars wie Langläufer Johannes Kläbö oder Skispringer Halvor Egner Granerud.

Die meisten Athleten dahinter sind Studenten, die vom Elternhaus unterstützt werden. Doch das Durchhaltevermögen ist groß. Obwohl gerade im Langlauf der Leistungshöhepunkt in der Regel erst mit 26, 27 Jahren erreicht wird – „abspringen tun nur wenige“, wie Bjervig sagt.

Und Norwegens Sportler werden von den Verbänden frühzeitig zur individuellen Trainingsarbeit erzogen. Auch die Kaderathleten trainieren maximal vier bis fünf Tage pro Monat gemeinsam. Der Rest spielt sich daheim ab. Aufwendig für die Nationalcoaches um Eirik Myhr, die neben den täglichen Telefonaten auch ständig auf der Reise von Trainingsort zu Trainingsort sind.

Heraus kommen allerdings selbstständige Athleten, die ihren Körper von Grund auf kennen. Für Bjervig ist das in Kombination mit dem individuellen Talent vielleicht sogar der Hauptgrund für Seriensiege wie die von Johannes Kläbo oder auch Biathlet Johannes Thingnes Bö. Die WM in Planica dürfte es zu spüren bekommen. PATRICK REICHELT

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