„Ich habe mich gefragt: Spinne ich – oder die Gesellschaft?“

von Redaktion

Laura-Marie, warum ist der Einstieg in den Motorsport so schwer?

Wegen der Kosten. Wenn man Geld hat, ist man recht schnell drin. Wenn man kein Geld hat, kann sein, dass man nie reinkommt. Talent reicht nicht, man braucht die Übung am Auto und das kostet viel Geld. Daher ist es ein Sport für Superreiche. Ich hatte Glück, dass ich auf der Nordschleife bei Instruktionsfahrten gescoutet worden bin.

Bei der Porsche Sprint Challenge in Spielberg ist dann ein Fahrer abgesprungen. Sie sind eingesprungen und gleich aufs Podium gefahren.

Das war verrückt. Den Konkurrenzdruck hast du sofort gespürt, es hat sich ein Kampfgefühl bei mir entwickelt. Ich hätte nicht gedacht, dass man so schnell in ein Feld kommt, in dem sie wirklich die Messer zwischen den Zähnen haben.

Was haben Sie danach gedacht?

Ich wusste, dass ich nicht viele Chancen bekomme, um mich zu beweisen. Der ganze Weg, den du bislang gegangen bist, ist auf diesen Moment zugelaufen. Und von diesem Moment hängt deine ganze Zukunft ab. Das ist ein absolutes Adrenalingefühl. Wenn man das gespürt hat, weiß man auch, warum man diesen Sport weiter macht. Und dieses Gefühl macht echt süchtig. Und wenn man sich auf „Teufel komm raus“ im Motorsport etablieren möchte, kommt man auch auf neue Ideen.

Erzählen Sie…

Für mich als junge Sportlerin ist das Sponsorensystem mit den veralteten Strukturen Mist. Ich wollte nicht von den riesigen Firmen abhängig sein, die einfach mit einer Frau werben möchten. Ich hatte ein cooles Marketing im Kopf, dynamisch und innovativ, ohne dieses brutale Abhängigkeitsverhältnis.

Sie haben auf digitale Innovationen gesetzt. Können Sie uns Ihr NFT-Projekt erklären?

Ich habe ein Auto kreiert, auf dem ich keine großen Sponsoren draufhaben wollte. Ich wollte mit dem Design auf eine Problematik aufmerksam machen, nämlich die Objektifizierung von Sportlern. Das Auto soll Merkmale einer Beauty-OP darstellen. Ich habe mein Auto digitalisiert und in 1000 NFT-Anteile aufgeteilt. Die Community konnte ein Stück meines digitalen Autos für 30 bis 40 Dollar kaufen. Mit einem NFT kommen dann Exklusivzugänge für die Fans. Treffen auf der Rennstrecke beispielsweise oder Merchandise. Die Geldflüsse sind super transparent.

Ist die Idee finanziell aufgegangen?

Ich konnte mir die Saison nicht ganz refinanzieren, es gab ja auch den Krypto-Crash. Trotzdem hatten wir eine große Aufmerksamkeit. Ich konnte mir eine Community aufbauen und habe viel über innovative Finanzierungsmodelle gelernt. Dieses Jahr werden wir den Schritt Richtung Metaverse gehen und schauen, was man dort alles bespielen kann.

Der „Stern“ schrieb kürzlich unter ein Bild, das Sie mit Ihrem Freund Jimi Blue Ochsenknecht zeigt: „Wo landen die Augen von Jimi Blue Ochsenknecht? Die Auswahl ist groß: Brüste, Porsche oder die Augen seiner Neu-Freundin.“ Im Artikel selbst stand dann: „Jimi Blue Ochsenknecht heizt sich auf jeden Fall im Rennstall neben seiner BH-losen Freundin auf.“ Wie fühlt man sich, wenn man hart an seinem Traum arbeitet – und dann auf das Aussehen reduziert wird?

Ich konnte das nicht glauben. Ein renommiertes Blatt schreibt so was, während ich neben meinem Auto gegen Objektifizierung stehe. Ich lese viele Berichte über mich, die schwierig sind, eine gewisse Tendenz haben. Weil ich, mal blöd gesagt, eben nicht nach Motorsport aussehe. Der Artikel hat mich dann aber die ganze Nacht beschäftigt. Ich habe mich gefragt: Spinne ich jetzt, oder spinnt die Gesellschaft? Das hat in mir gearbeitet. Ich habe dann auch mit meiner Mentorin gesprochen und ihr gesagt, dass mir der Artikel im Kopf hängen bleibt und ich es heftig finde, was dort geschrieben wird. Sie hat mir auch sofort gesagt: „Laura, das ist nicht mehr lustig, das ist absolut sexistisch.“

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Das war einfach nur verletzend und übergriffig. Da muss man seine Stimme erheben, bis hierhin und nicht weiter! Das ist nämlich dann irgendwann keine Berichterstattung mehr, sondern Mobbing, Hetze und Sexismus. So was muss man beim Namen nennen. Das war einfach scheiße. Ich hoffe, dass sich die Medien da strengere Richtlinien setzen und wirklich auf ihre Berichterstattung achten und niemanden diskriminieren. Das hat dann auch nichts mehr mit Clickbait zu tun. Sowas ist verletzend und muss gestoppt werden. Nicht jeder kann damit gut umgehen. Bei vielen Menschen kommen da Selbstzweifel auf. Bin ich der Fehler? Ist der Fehler, dass ich keinen BH trage? Leite ich solche Storys selbst ein? Sowas darf nicht sein. Ich musste mich auch damit beschäftigen. War es jetzt unnötig, dass ich ohne BH auf der Rennstrecke stand? Ich habe mit meinem Rennleiter drüber gesprochen und er meinte nur: „Laura, bist du bescheuert, willst du jetzt in einem Polyester-BH Rennen fahren?“ Das ist auch einfach gefährlich. Es gibt im Motorsport keinen geeigneten BH für Frauen. Das ist auch nichts, womit ich mich in einer Rennsituation beschäftigen sollte. Ich muss mich darauf konzentrieren, das Auto nach vornezubringen. Nicht darauf, ob ich einen BH trage, oder ob irgendwo etwas durchgeschwitzt ist und man etwas sieht. Ich bin nicht als Frau hier, sondern Motorsportlerin. Ich will nur nach meiner Leistung beurteilt werden. Alles andere spielt keine Rolle.

Sie haben geschrieben, dass Sie auch gegen den Sexismus fahren.

Als ich mein Auto designt habe, war mir noch gar nicht bewusst, wie groß die Probleme sind. Bei der Sponsorensuche habe ich ein bisschen gemerkt, dass ich im von Männern dominierten Motorsport vielleicht als komisches Wesen wahrgenommen werden. Aber, dass Leute heutzutage immer noch solch sexistische Kommentare abgeben, ist echt unbegreiflich. Das ist schockierend. Es ist nicht einfach, dass alles auf meinem Rücken ausgetragen wird. Dass ich jetzt die BH-lose bin, die in der Presse steht. Aber ich habe es mir ausgesucht, wofür ich stehe, und werde das auch weiterhin tun. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas Krasses erleben muss. Mein Ziel ist es nicht, die riesengroße Feministin zu werden. Ich bin Sportlerin. Aber es gibt einfach Grenzen.

Wie sehen Ihre sportlichen Ziele für 2023 aus?

Ich werde bei Porsche bleiben und erst mal weiter im GT4-Bereich fahren. Ich will mich wohlfühlen und versuche jetzt, ein Frauen-Rennteam aufzubauen. Ich habe jetzt schon eine Frau als Rennteamleiterin. Ich will auch die Bereiche Mechanik und Logistik mit möglichst vielen Frauen besetzen. Auch bei der Sponsorensuche will ich nicht einfach mit Stickern beklebt werden. Sondern Firmen finden, die meine Werte, meine innovativen Ideen teilen, mit denen ich gemeinsam wachsen kann. Rein sportlich will ich zum Profifahrer werden, also einen Werksvertrag im GT3-Bereich.

Sie sind viel unterwegs. Wie wichtig ist da die Heimat und Familie am Starnberger See?

Das ist mir sehr wichtig. Ich versuche, mir eine Schutzschicht aufzubauen. Es gibt die Laura-Marie Geissler, die in der Presse ist, die Motorsportlerin ist. Die für ihren Beruf familiär immer mal wieder ein bisschen hinterfragt wurde. Mein Psychologie-Studium habe ich abgebrochen. Das war nicht einfach, im jungen Alter so einen Schritt zu gehen. Und dann gibt es die Laura, ein normales Mädel vom Starnberger See, die ihren Hund über alles liebt. Die mit ihren Eltern das Leben genießt. Da geht es dann auch nicht um Motorsport, nicht um den Beruf. Diese beiden Welten trenne ich ganz klar.

Interview: Nico-Marius Schmitz

Artikel 1 von 11