Klinsmann in Südkorea

Nationaltrainer kann er

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Jetzt, wo die Meldung vom frisch unterschriebenen Vertrag auf dem Tisch liegt, werden uns die Zusammenhänge klar. Wir brauchen nur ein paar Wochen zurückzureisen, zur WM nach Katar, wo uns Jürgen Klinsmann oft zweimal am Tag bei Spielen begegnete. Zufällig saßen wir am 29. November im Stadion Education City neben ihm und seinen Mitarbeitern der „Technical Study Group“, gegeben wurde ein Match der Vorrunde, Südkorea – Ghana, und als das asiatische Team mit zwei Treffern binnen drei Minuten einen 0:2-Rückstand ausglich, schnellte Klinsmann aus seinem Sitz, rief begeistert „Was ist denn hier los?“ und stand für den Rest des Spiels. Seine Parteinahme war eindeutig pro Südkorea. Und das gefiel einem seiner FIFA-Adlaten, die mit ihm von Partie zu Partie zogen: Du-Ri Cha. Und jetzt: Wird der Cha-Spezi und Südkorea-Fan der neue Nationaltrainer von Südkorea. Passt.

Erinnert ein wenig an 2004: Klinsmann, bis dahin nur ein Ex-Spieler, taucht als Markenbotschafter eines Kreditkarten-Unternehmens bei der EM in Portugal auf, kurz nachdem Rudi Völler als Teamchef zurückgetreten war. Und zack, ein paar Wochen später: Bundestrainer Klinsi. Muss man ihm lassen: Er versteht es, aus dem Nichts zu Trainer-Jobs zu kommen. War so beim FC Bayern (2008) und 2019 bei Hertha BSC mit Abkürzung über den Aufsichtsrat. Jürgen Klinsmann wird in durchaus ehrfürchtigem Ton nachgesagt, er sei der einzige Mensch auf der Welt, der Uli Hoeneß zweimal über den Tisch gezogen habe (mit einem Spieler- und einem Trainervertrag). Jedenfalls: Die Masche vom schwäbisch-kalifornischen Sonnyboy verfängt immer wieder.

Als Vereinscoach ist er eine Katastrophe. In München wurde er zur Lachnummer, Berlin zertrümmerte er mit seinem Tagebuch. Was man ihm aber lassen muss: Nationaltrainer kann er. Der DFB hat ihm aus den Jahren 2004 bis 06 eine strukturelle Erneuerung zu verdanken, mit den USA erreichte er 2014 das WM-Achtelfinale (und weiter kamen seine Nachfolger auch nicht). Südkorea hört gerne auf internationale Lehrmeister – Klinsmann könnte durchaus ankommen.

Noch etwas, an das wir uns erinnern: 2005 bekam Klinsmann einen Werbevertrag bei einem südkoreanischen Fernsehhersteller, zu seiner Präsentation in Düsseldorf erschien er mit Verspätung, die aus Fernost angereiste Delegation wirkte etwas pikiert. Dann knipste Klinsmann sein Lächeln an, und alles war gut – und der Flachbildschirm trat seinen weltweiten Siegeszug an. So wird er zumindest das sehen.

Guenter.Klein@ovb.net

Artikel 1 von 11