Zur Pep-Zeit wurde ja immer gerechnet: Können die Bayern schon Meister werden, bevor die Krokusse rauskommen und im Kalender „Frühlingsanfang“ steht? So krass war es danach nicht mehr, aber in der Regel frühzeitig klar, dass man sich in München für einen beträchtlichen Rest Bundesliga-Saison entspannt zurücklehnen und alle Konzentration auf die internationalen Herausforderungen richten kann.
2023 ist es definitiv anders, diese Saison erfüllt womöglich sogar die Floskel mit Wahrheit, dass es genüge, in der Tabelle nach dem 34. Spieltag oben zu stehen. Wenn es so käme, wäre nach einem Jahrzehnt des spannungsarmen Titelkampfs was gewonnen. Und auch wenn es nicht hyperdramatisch zu werden scheint mit drei, vier, fünf Mannschaften gleichauf, weil Union Berlin und SC Freiburg doch nicht die Substanz haben und Leipzig nicht das aufholen kann, was es im Herbst verspielt hat, so erlebt die Liga zumindest den klassischen Zweikampf. Bayern gegen Dortmund – so wie von 2010 bis 2012.
Das liegt nicht daran, dass sich der BVB an den FC Bayern herangerüstet hat. Die Westfalen sind zwar konstanter geworden als in den Jahren davor, als ihnen nach einem rauschenden 5:0 gegen ein Team aus dem ersten Drittel die Woche darauf verlässlich ein 0:1 gegen einen Abstiegskandidaten unterlief – in erster Linie speist sich die engere Konstellation aus den Unpässlichkeiten der Bayern. Dortmund genügt es, von den Punkten her eine normale Saison zu spielen, um ein ernsthafter Konkurrent zu sein. Wie Aki Watzke es über die Jahre ausgesprochen hat mit der Dringlichkeit eines Gebets: „Wenn die Bayern schwächeln, müssen wir da sein.“
Was sich bestätigt: Es ist eine Saison mit Sondereffekten. Den Münchnern fehlen die Lewandowski-Tore – aber mehr als den Dortmundern die Haaland-Einschläge. Und natürlich spielt die WM in Katar rein. Sie hinterließ in beiden Clubs gefrustete Spieler, wobei das BVB-Duo Süle/Schlotterbeck die Schmach besser verarbeitete als etwa die Bayern-Combo Gnabry/Sané. Ein externer Faktor, der die Meisterschaft beeinflusst, bleibt aber noch: die Champions League. Morgen spielt Dortmund, übermorgen Bayern – danach wissen wir mehr. Oder auch nicht.
Guenter.Klein@ovb.net