Der Fall der Eisbären Berlin

Eishockey kann zermürben

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Dem EHC München wird das nicht unrecht gewesen sein: Die Eisbären Berlin schlossen die Hauptrunde in der Deutschen Eishockey Liga nicht als Zehnte ab, sondern auf Platz elf. Wären sie noch in die Pre-Playoffs gerutscht, hätten sie, dort die weitere Qualifikation vorausgesetzt, ein Viertelfinal-Gegner werden können, wie ihn sich auch München als Dominator der Saison nicht wünscht: der doch noch erwachte Riese, der es ausnutzt, dass im Eishockey letztlich nur die „Crunchtime“ zählt – die letzte Phase eines Spieljahres. Nun aber ist das Scheitern der Berliner, Meister der Jahre 2021 und 22, amtlich. Wie konnte es dazu kommen?

Zum einen: Die Eisbären sind zum Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. In den vergangenen zwei Jahren haben sie drei junge Nationalspieler – Leon Gawanke, Lukas Reichel und Kai Wissmann – nach Nordamerika verloren, wo Eishockey derart glitzert, dass die DEL nicht mithalten kann. Und ihr überragender Torwart Mathias Niederberger wurde ihnen vom nationalen Hauptrivalen, dem EHC München, abgeworben. Das kann alles passieren, hätte die Eisbären aber nicht in ihren sportlichen Grundfesten erschüttern müssen, denn sie sind ein sehr gefestigter Club: Die amerikanische Anschutz Entertainment Group sichert das Projekt finanziell mit einer großzügigen Patronatserklärung ab, der aus dem Osten der Hauptstadt stammende Verein hat eine starke Fanbasis, er ist ein durch und durch stabiles Gebilde – doch es wurden in dieser Saison einfach tiefgreifende Fehler in der Kaderplanung begangen. Mit drei Torhütern unter oder um die 20 in die Saison gegangen zu sein, obwohl es bessere Optionen gegeben hätte wie den in München durch den Niederberger-Deal überflüssig gewordenen Henrik Haukeland (der schließlich Düsseldorf entscheidend verstärkte), war die falsche Entscheidung, wenn es um den aktuellen Erfolg und nicht um eine längerfristige Entwicklung ging.

Was sich allerdings auch zeigte: Eishockey kann zermürben. Die Eisbären haben mit die besten deutschen Spieler, die Stürmer Marcel Noebels und Leo Pföderl, deren persönliche Scoring-Bilanzen auch in Ordnung sind, doch mit Playoffs, Olympia und WM werden sie seit Jahren so stark beansprucht, dass sie irgendwann nicht mehr die (mentale) Kraft haben, einen Negativtrend aufzuhalten. Zwangsweise finden sie nun etwas Ruhe. Wird helfen, Berlin wird wiederkehren.

Guenter.Klein@ovb.net

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