München – Neulich, als die Frankfurter Löwen in der Münchner Olympia-Eishalle gastierten, lag Streit in der Luft. Carson McMillan, Stürmer im Team der Gäste, ging Yasin Ehliz vom EHC mit hoher Aggressivität an, baute sich vor ihm auf, die Körpersprache war eine einzige Aufforderung, die Handschuhe fallen zu lassen und mit den blanken Fäusten zu kämpfen. Es lag am Münchner, darauf einzugehen – doch Yasin Ehliz drehte ab. Warum schlägern in einem Spiel, das für den EHC weit weniger Bedeutung hatte als für die Frankfurter, warum raufen aus nichtigem Anlass? Es blieb bei ein paar Zurufen, die wahrscheinlich die gegenseitige Geringschätzung ausdrückten, zur Eskalation kam es nicht.
Es ist das Merkmal guter Eishockeyspieler, dass sie mit Emotionen agieren, diese aber beherrschen. Und darum ist auch die Zahl „18“ ein Ausweis der Fähigkeiten von Yasin Ehliz. Lediglich 18 Strafminuten hat er angesammelt in 56 Hauptrundenspielen diese Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL), neun Strafzeiten, das ist sehr überschaubar für einen, der ja oft angegangen wird, weil er einer der Besten ist. Seine spielerischen Qualitäten belegen die Zahlen 21, 39 und 60. 21 Tore hat er erzielt, 39 vorbereitet, das ergibt 60 Punkte. Damit steht er gemeinsam mit dem für Köln auflaufenden Schweden Andreas Thuresson an der Spitze der Scorerwertung der Liga.
Ehliz, kürzlich 30 geworden, absolviert seine individuell erfolgreichste Saison. Trainer Don Jackson lobt: „Er ist doppelt so gut wie letztes Jahr. Und er hat sich während seiner Karriere in München um 200 Prozent verbessert.“
Dazu muss man wissen: Ehliz’ Beginn in München im Herbst 2018 war überschattet. Nach Olympia-Silber 2018 mit der Nationalmannschaft war er das Wagnis eines Wechsels nach Kanada eingegangen. Er wollte in die NHL, zu den Calgary Flames, doch die schickten ihn ins Farmteam Stockton Heat, wo er nur vier Einsätze bekam und auf der Tribüne hockte. Der gebürtige Tölzer kapitulierte nach wenigen Wochen und entschied sich für Heimatnähe: München. Das nahm man ihm in Nürnberg, wo er sieben Jahre gespielt hatte, übel. Bei den Ice Tigers gehörte Ehliz einer festen Reihe mit den Routiniers Patrick Reimer und Steve Reinprecht an, beim EHC wechselten die Partner. Zuletzt hat sich ein Trio gefunden – mit Ehliz, Austin Ortega, Ben Smith. „Es passt auch außerhalb der Eisfläche“, sagt er.
Ehliz’ Spiel ist vielseitig geworden, er steht nun dafür, mehr zu sein als der Irrwisch, der die Gegner an der Bande wegarbeitet und ab und zu einen Alleingang versenkt. Er ist ein prägender und markanter Spieler, auf den man nicht nur wegen seiner Herkunft achtet, die im Eishockey noch immer ungewöhnlich ist: Er hat türkische Wurzeln, da gibt es in der DEL neben ihm noch den Rosenheimer Sinan Akdag in Mannheim, der einst das Prädikat „Eis-Özil“ verpasst bekam. Vor einigen Jahren organisierte Familie Ehliz ein Freundschaftsspiel der türkischen Eishockey-Frauennationalmannschaft in Tölz – ein riesiger Erfolg.
Yasin Ehliz’ Eishockey-Identität ist allerdings vor allem die eines rustikalen Tölzer Buam. Zu seiner Nürnberger Zeit wurde ihm mal der halbe Ohrknorpel weggeschossen, es war ein Blutbad auf dem Eis. Zwei Tage später spielte er wieder. Mit Schmerz kann er umgehen. Er muss ihn sich allerdings nicht beim Boxen holen.