München – Die Zettel waren stets am Mann, sie waren wichtig. Als Julian Nagelsmann gestern Vormittag bei schönstem Münchner Wetter den Rasen an der Säbener Straße betrat, hatte er zunächst kaum Augen für seine Spieler. In der Hand hielt der Trainer, dessen FC Bayern an diesem Mittwoch (21 Uhr) im Rückspiel gegen Paris St.-Germain den Einzug ins Viertelfinale der Champions League perfekt machen will, zwei, drei kleine Papiere, die für viel Gesprächsstoff mit seinen Assistenten sorgten. Primär geht es um Lösungen gegen Superstar Kylian Mbappé – darüber hinaus aber um mehr, viel mehr.
„Es ist einer meiner größten Träume, die Champions League zu gewinnen“, sagte Nagelsmann gestern, auf dem Weg dorthin aber muss zunächst Ausnahmespieler Mbappé ausgebremst werden. Der Coach will die „Waffe“, die der gefürchtete und hochmotivierte PSG-Star hat, „im Kollektiv“ ausschalten, und Thomas Müller – der den Kracher „Le Match“ nannte – ging schon vor Anpfiff in die Offensive. „Die ganze Welt schaut ihm gerne zu. Wir wollen ihn bei der Arbeit stören“, sagte der 33-Jährige und schob hinterher: „Er wird nicht viel Spaß haben.“ Der Spielführer forderte seine Kollegen auf, als „elf Kapitäne“ zu agieren: „Es wird ein heißer Kampf. Aber wir fühlen uns gut vorbereitet.“
Zwar steht das Wort „Schicksalsspiel“ offiziell auf dem Index, trotzdem sind sich Führungsetage wie Kader bewusst, dass ein Scheitern die Grundsatzdebatte, die den Verein seit Wochen begleitet, womöglich final anheizen würde. Als „entscheidend für die Saisonbewertung“ bezeichnete auch Nagelsmann das Duell. Trotzdem gab sich der Coach betont entspannt. Die Marschroute ist klar („nicht nur verteidigen“), und man will lieber auf sich als auf PSG schauen. Dass der Gegner namhaft ist und ein Aus doch weniger überraschend wäre als der K.o. im Vorjahr gegen Villarreal, ist trotzdem präsent. Genau wie das nicht komfortable, aber doch wichtige 1:0-Polster, mit dem man dem Sturmlauf gegenübertritt. Müller warnte zwar: „Ein Tor ist schon aufzuholen.“ Aber nicht, wenn man selbst den Ton angibt.
Messi, mit PSG schon seit Montag in München, geht von einem „sehr engen und schwierigen Spiel“ aus, in dem Nagelsmann einen seit Wochen ausgeklügelten Matchplan anwenden wird. Dem wahrscheinlichen Szenario, dass das Team von Christophe Galtier „von Anfang an viel Druck“ machen wird, will der Bayern-Coach die Power seines Blockes entgegenwerfen. „Wenn wir ihnen die Lust rauben, dann wird es schon sehr viele Situationen geben, wo wir PSG in der Gemeinschaft auch wehtun können“, betonte der 35-Jährige. Mit körperlicher Präsenz, mit Pressing und ohne Nachlassen sei es möglich, der Milliarden-Truppe „den Speed“ zu rauben.
Dass ein 1:0 in Paris kein Freifahrtschein ist, haben die Bayern unter Hansi Flick im Jahr 2021 spüren müssen. Die Partie in München endete damals 2:3, Flick verließ den Verein (aus diversen Gründen) knapp zwei Monate später. Im Unterschied zu Nagelsmann hatte sein Vorgänger da allerdings schon bewiesen, dass er dem Rekordmeister auch international zu Erfolg verhelfen kann. Sechs Titel aus dem Jahr 2020 sicherten Flick den goldenen Eintrag in den Geschichtsbüchern, der dem bisherigen Ein-Titel-Trainer bei Bayern (noch) fehlt. Laut Vertrag hat er fünf Jahre Zeit, um die Champions League zu gewinnen. Aber Geduld ist weder Nagelsmanns Stärke noch die seiner Chefs.
Der Trainer weiß selbst: „Am Ende entscheidet in solchen Spielen auch die Tagesform.“ Immerhin kann er aus dem Vollen schöpfen. Alle Mann sind fit, es fehlen lediglich die Langzeitverletzten. Das sah der Coach gestern, als er den Blick endlich von seinen Zetteln richtete.