Dieser Mittwoch ist wieder so ein Tag, an dem auch diejenigen, die dem FC Bayern national eher nicht die Daumen drücken, zu roten Fans werden. Beim gemeinsamen Champions-League-Schauen ist dann gerne vom „deutschen Vertreter“ die Rede, dem man im „internationalen Geschäft“ das Weiterkommen wünscht. Ein Reflex, dem sich nur Löwen-Fans hartnäckig entziehen können – und dessen Ausprägung mit Blick auf den Gegner variiert. Das Duell mit Paris St.-Germain bietet da einen eindeutigen Fall. Denn der Verein, der hierzulande Neid auf sich zieht, weil er sportlich wie wirtschaftlich allen enteilt ist, ist im Vergleich zu PSG ein kleines Lichtlein. Anders gesagt: Der gute Traditionsclub, der gegen die Scheich-Milliarden bestehen will – und (noch) kann.
Es war natürlich kein Zufall, dass Oliver Kahn ähnliche Gedanken am Tag vor dem entscheidenden Rückspiel in der größten Sport-Tageszeitung des Gegner-Landes platzierte. In einem umfassenden Interview mit der „L’Équipe“ stellte der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern unter anderem klar: Wenn „ehemalige Führungsspieler zu Entscheidungsträger“ und Werte „von Generation zu Generation“ weitergegeben werden, wenn „nur so viel ausgegeben wird wie eingenommen“ und „man den sportlichen Erfolg und die finanziellen Mittel ins Verhältnis setzt“, ist der FC Bayern größer als alle anderen. Das mag vielleicht klingen wie ein großer Klopfer auf die eigene Schulter – aber die Aussagen enthalten viel Wahrheit. Gestützt durch zwei Champions-League-Titel in den vergangenen zehn Jahren – im Vergleich zu PSG: null.
Die Bühne neben dem Platz haben die Bayern genutzt, und auch auf der wichtigeren, die sich heute Abend ab 21 Uhr bietet, wollen sie den Ton angeben. Dass da in Reihen des Teams von Julian Nagelsmann kein Lionel Messi und kein Kylian Mbappé auflaufen, mag nominell ein Nachteil sein, birgt aber auch Positives. Gemeinsam, als Kollektiv mit Teamspirit – so der Plan – kann man das mit Eitelkeiten belegte Starensemble aus Paris daran hindern, den 0:1-Rückstand aufzuholen. Denn ein Pendant zum „Mia san mia“ gibt es bei PSG nicht.
Die Rollen sind zum Anpfiff klar verteilt. Und trotzdem darf man den Blick über den heutigen Tag hinaus richten. Die Besinnung auf Tradition und Werte hört sich immer schön an, ist aber auch eine Verpflichtung. Darüber, ob der FC Bayern seinem Credo des soliden Wirtschaftens aus eigener Kraft treu bleiben kann, entscheidet nicht das heutige Duell, sondern die kommenden Jahre. Es ist Kreativität gefragt, um sich zu leisten zu können, im internationalen Fußball-Irrsinn ein Gegenmodell zu bleiben. Eines, das sich der Unterstützung aus der Heimat sicher sein kann. Zumindest von all denen, die nicht blau sind (und PSG heute vor Ort anfeuern).
Hanna.Raif@ovb.net