Im Alter von 18 Jahren begann Timothy Olson Drogen zu nehmen und wollte nicht mehr leben. Der Sport hat ihn gerettet. In Ultraläufen fand der heute 39-Jährige seine Leidenschaft. Olson hat mehrere Rekorde aufgestellt, unter anderem auf dem Pacific Crest Trail. Der Fernwanderweg verläuft über 4265 Kilometer durch die amerikanischen Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Washington. Insgesamt müssen 120 000 Höhenmeter überwunden werden. Olson brauchte für die Strecke 51 Tage, 16 Stunden und 55 Minuten. Wir haben uns mit dem Athleten über die Magie des Sports und Begegnungen mit einem Puma unterhalten.
Timothy Olson, Sie haben in Ihrer Jugend Football, Baseball und Basketball gespielt, sind Cross Country gelaufen. Was hat Ihnen der Sport bedeutet?
Die Bewegung und vor allem das draußensein haben mir immer gefallen. Ich bin in Wisconsin aufgewachsen und habe jeden Tag die Einfahrt von Schnee und Eis befreit, damit ich Basketball spielen kann. Ich habe schon früh die Magie des Sports gespürt, wenn du in einen Flow, einen Rhythmus kommst und sich alles mühelos anfühlt. In diesen Flow konnte ich beim Laufen am besten reintauchen. Für diese Momente habe ich gelebt und lebe ich.
In einem Podcast haben Sie gesagt, das Laufen war auch ein Sport für die Außenseiter.
Alle wollten Football spielen, Laufen war nicht populär. Und vermutlich hat auch niemand an der Schule gedacht: Wow, das ist ein cooler Sport (lacht). Aber meine Freunde und ich eben schon. Wir haben auch keine Country-Musik gemocht, obwohl wir in Wisconsin aufgewachsen sind, sondern Hip-Hop. Wir waren für viele vermutlich immer schon ein bisschen seltsam. In meiner Jugend gab es die Serie „Freaks and Geeks“, es ging um eine Gruppe von Außenseitern an einer High School. Damit konnte ich mich identifizieren. Wir waren nicht die verehrten Footballer, sondern die, die sich im Regen und Matsch den Berg hochquälen. Und ich habe es geliebt (lacht).
Nach der High School gab es in Ihrem Leben einen Bruch. Sie haben angefangen, Drogen zu nehmen, wurden verhaftet. Was hat dazu geführt?
In meiner Kindheit sind verschiedene Dinge passiert, die traumatisch waren. Danach ist es mir schwergefallen, Erwachsenen zu vertrauen. Ich habe immer versucht, das zu verdrängen, es hat sich in meinem Körper aufgestaut. Nach der High School wollte ich mich mit Alkohol und Drogen betäuben, diesen unangenehmen Gedanken entfliehen. Ich habe mich nicht mehr gemocht. Ich habe schlecht über mich gesprochen. Es hat lange gedauert, zu realisieren, dass ich keine schreckliche Person bin. Es gab Momente, in denen ich nicht mehr leben wollte. Freunde von mir, die drogenabhängig waren, haben Selbstmord begangen. Ab einem gewissen Punkt war ich auch drauf vorbereitet zu sterben. Ich dachte nicht, dass ich meinen Drogenkonsum überlebe. Die Schicksale meiner Freunde haben mir die Augen geöffnet, dass ich etwas ändern muss.
Und dabei hat der Sport eine zentrale Rolle gespielt.
Laufen hat mir dabei geholfen, loszulassen, mich selbst auszudrücken und zu verstehen. Laufen war und ist meine Therapie. Wenn du das erste Mal 20 Kilometer oder mehr läufst, gibt es keinen Platz für negative Gedanken. Danach liegst du zu Hause auf dem Boden und versuchst, wieder Luft zu bekommen. Du bist komplett ausgelaugt, aber glücklich. Weil du etwas geschafft hast. Laufen hat mein Leben verändert – und gerettet. Ich habe zudem angefangen, zu meditieren, um die Kontrolle über meinen Körper wieder zu erlangen.
Wieso sind es gerade die Ultraläufe, die Sie faszinieren?
Wenn du 100 Kilometer läufst, denkst du dir: Wow, dein Körper ist toll! Du beginnst automatisch, dich mehr um ihn zu kümmern und fragst dich, wozu er noch imstande ist. Du kommst aus deiner Komfortzone heraus. Durch solche langen Läufe erlernst du eine Widerstandsfähigkeit, die dir auch im Alltag hilft, schwierige Situationen zu meistern. Und natürlich ist nicht immer alles toll, wenn du 100 Kilometer läufst. Es gibt Momente, da singst du dir die Seele aus dem Leib und ein paar Minuten später weinst du einsam in irgendeinem Wald, wo sonst keine Menschenseele ist.
Der Pacific Crest Trail hat Sie sicherlich auch aus der Komfortzone gebracht.
Auf so ein Projekt kann man sich nicht vorbereiten. Ich habe schon am zweiten Tag ans Aufgeben gedacht. Es sind so schnell Gedanken in meinen Kopf geschossen, die mir gesagt haben: Das ist alles zu schwer, das schaffst du niemals. Es war mental so hart, jeden Morgen aufs Neue aufzustehen und dem Körper zu verklickern, dass er wieder 14, 15 Stunden laufen wird. Es gab so viele Momente des Zweifelns. Mein Körper hat mich nicht nur einmal gefragt, was wir hier gerade eigentlich machen (lacht). Es gab aber auch so viele magische Momente. Meine Familie hat an verschiedenen Punkten auf mich gewartet. Meine Frau war zu dem Zeitpunkt im neunten Monat schwanger. Ich war also doppelt motiviert für den Lauf.
An welche Momente erinnern Sie sich besonders?
Ich bin durch die Berge gelaufen, war gefühlt mitten im Nichts, und dann siehst du einen spektakulären Sonnenuntergang. In solchen Momenten bist du einfach nur dankbar. Du denkst dir: Die Welt könnte gerade nicht schöner sein. In Oregon habe ich direkt nach dem Aufstehen den größten Puma meines Lebens gesehen. Er hat mich fixiert, mir direkt in die Augen geschaut und ist dann weitergezogen. Ich habe in solchen Momenten das Funkeln, das Besondere in der Welt gesehen. Erst recht, weil der Puma mich am Leben gelassen hat (lacht). Die Natur hätte mich so oft zerstören können. Aber es hat sich so angefühlt, als hätte ich die Erlaubnis, den Weg zu laufen.
Es gab aber sicherlich auch Rückschläge …
An einem Tag, ich hatte gerade Mount Hood (Vulkan in Oregon) passiert, habe ich mich plötzlich krank gefühlt. Mein Körper war so kalt und hat gezittert. Kalter Schweiß ist mir die Stirn runtergelaufen. Ich musste mich mehrmals am Wegrand in meine Notfalldecke legen, damit mir wieder ein bisschen wärmer wird. In der Nacht gab es dann auch noch einen heftigen Sturm. Und ich lag da quasi ohne Schutz in den Bergen, keine Hilfe weit und breit, und war den Launen der Natur ausgesetzt. In der Nacht hatte ich wirklich Angst. Ich hatte unterwegs auch eine Verletzung am Fuß, jeder Schritt war plötzlich schmerzhaft. Und, das klingt jetzt sehr kitschig, aber das Projekt hat mir einmal mehr die Hoffnung zurückgegeben, dass nach jedem Sturm auch wieder blauer Himmel mit Sonnenschein kommt.
Interview: Nico-Marius Schmitz