München – Man übersieht ihn leicht im Ensemble des EHC München, weil er keiner der Kontingent- und auch nicht deutscher Nationalspieler ist. Er gehört zur Fraktion der Jungen, aber anders als bei Justin Schütz, Maksymilian Szuber und Julian Lutz hat die NHL beim Draft, der jährlichen Ziehung der Talente, nie ihr Interesse hinterlegt. Deswegen ist ein Spiel wie das dritte in der Viertelfinal-Serie gegen Bremerhaven mal ganz gut, um den Blick auf Filip Varejcka zu lenken.
Der 22-Jährige erzielte das 1:0, legte zum 2:0 auf, bereitete das 4:0 vor, erzielte das 6:0. Vier-Punkte-Spiele sind eine Rarität, in den Playoffs noch mehr als in der Hauptrunde – und wenn, dann erwartet man sie von den nordamerikanischen Stars oder von Yasin Ehliz, dem Spieler des Jahres in der DEL – doch selbst er kam nie auf einen solchen Ertrag an einem Abend. Filip Varejcka wurde also zur Figur und zum Gesicht des ersten Siegs gegen Bremerhaven, einem 7:1, mit dem der EHC München sich erst einmal aus der schweren Beklemmung zweier Niederlagen gegen den Außenseiter (1:3, 2:3) lösen konnte. Intern war die Überraschung angesichts der starken Performance des Stürmers nicht so groß; für Sportchef Christian Winkler ist Varejcka „ein vollwertiges Mitglied der Mannschaft“.
Das wird schon dadurch bestätigt, dass Trainer Don Jackson ihn aufstellte. Ihm stand Chris DeSousa nach einer Verletzung wieder zur Verfügung, auch der zuletzt nicht berücksichtigte Verteidiger Ryan McKiernan sollte eine Rolle spielen – also mussten zwei Spieler weichen. Es traf Julian Lutz (19), dessen Karriereplan auf die NHL ausgerichtet ist, und Frederik Tiffels (27), eigentlich einer der Promis im Kader: Spielte schon in Nordamerika, ist der Kumpel von Superstar Leon Draisaitl und genoss im deutschen Eishockey aufgrund seiner läuferischen Fähigkeiten eine herausragende Stellung. Doch die Produktion des Kölners ließ mit sechs Toren und 22 Assists in 55 Partien gegenüber der Vorsaison (12 + 37 in 45 Spielen) deutlich nach. Und wie ein Bumerang kam in den sozialen Medien die Aussage zurück, die Tiffels vor dem Playoff-Start getätigt hatte: „Wen willst du bei uns ausschalten? Ich weiß nicht, wie ein gegnerischer Trainer das machen will. Wir haben eine Tiefe wie keine andere Mannschaft.“ Was Selbstbewusstsein ausdrücken sollte, wirkte nach zwei Niederlagen überheblich.
Der EHC München war angeschlagen nach diesem Auftakt, die Gelassenheit dahin. Es bedurfte einer großen Ansprache von Don Jackson, um das Team aus der aufkommenden Frustration zu holen. „Es war nichts Schlimmes dabei“, sagt Varejcka über die Jackson-Rede, „er hat uns gepuscht.“ Also eher über die Schiene der Aufmunterung als den Entwurf eines Blamage-Szenarios. Ein aufgewühltes erstes Drittel brachte die Münchner in die Spur, so der junge Stürmer: „Es gab viele Kämpfe, das haben wir gebraucht.“
Er weiß, wovon er spricht, denn er hat einiges an Playoff-Erfahrung. 2020 und 21 bestritt er die Playoffs noch mit Salzburg in der multinationalen, hauptsächlich österreichischen Liga, und 2022 kamen mit München auch schon zehn Playoff-Einsätze zusammen. Nun ist Filip Varejcka, gebürtiger Münchner, ausgebildet in Bad Tölz und von 2016 an in der Red-Bull-Akademie, Playoff-Topscorer (fünf Punkte in drei Spielen) in München und auch der gesamten Liga.
Auch wenn ihn die Emotion nach dem 7:1 vom Sonntag erst einmal mitriss und er von „Weltklasse“ sprach (in Bezug auf die Leistung der gesamten Mannschaft), war er kurz danach schon wieder im Realitätsmodus, als er über das bevorstehende Spiel vier am Mittwoch (19 Uhr) in Bremerhaven sprach. „Es fühlt sich gut an, aber wir liegen 1:2 hinten, man kann sich nicht ausruhen.“