Barcelona – Nach dem Abpfiff ging die Mannschaft des FC Barcelona geschlossen vor die Kurve und tanzte zu den Gesängen der Fans. Im Camp Nou ist das nicht üblich, das Ritual wird allenfalls nach epochalen Siegen und Titelgewinnen zur Aufführung gebracht. Barças 2:1 (1:1) am Sonntagabend gegen Real Madrid durch Tore in den Nachspielzeiten beider Halbzeiten war sicher das eine und wohl auch das andere: Bei nunmehr zwölf Punkten Vorsprung dürfte den Katalanen die Meisterschaft nicht mehr zu nehmen sein. Bisher haben sie in der ganzen Saison erst zehn Punkte liegen gelassen.
Und so feierten sie also wild, 95 745 Menschen. Vier Jahre ist der letzte Ligatitel zwar erst her, doch sie scheinen wie eine Ewigkeit. In dieser Zeit ist Barça in eine allumfassende Vereinskrise gepurzelt, es musste Milliardenschulden einräumen, wurde im Europapokal 2:8 von den Bayern und auch sonst ziemlich oft gedemütigt, verlor den Klubhelden Lionel Messi und seinen moralischen Nimbus in Skandalen um gefakte Konten in den sozialen Netzwerken wie zuletzt der noch schlimmeren Affäre um Zahlungen an einen Schiedsrichtervize.
Das Team veränderte sein Gesicht unterdessen fast komplett. Hauseigene Talente spielten sich ins Rampenlicht, im Sommer wurde dazu durch Veräußerung von Klubvermögen eine riskante Transferoffensive gestemmt. Gegen Real standen in dem deutschen Nationaltorwart Marc-André ter Stegen, Altmeister Sergio Busquets und Sergi Roberto nur noch drei Akteure auf dem Platz, die auch die letzte Meisterschaft mit Barça gewonnen hatten.
„Wir sind durchgedreht“, beschrieb Roberto nun das befreiende Glücksgefühl eines großen Sieges. Vom Notnagel angesichts aktueller Verletzungsprobleme war der Routinier zum besten Mann auf dem Platz avanciert; er erzielte das 1:1, nachdem Ronald Araújo durch ein unglückliches Eigentor den frühen Rückstand produziert hatte. Barça dominierte einen selten hochklassigen, aber stets packenden Clásico über weite Strecken, hatte allerdings Glück, als das vermeintliche 1:2 durch Marco Asensio nach Videobeweis wegen einer knappen Abseitsposition annulliert wurde. Ein Konter mit Hackeneinlage von Stareinkauf Robert Lewandowski und Weiterverarbeitung des jungen Außenverteidigers Alejandro Balde – neueste Perle aus dem Nachwuchs – vollendete der eingewechselte Franck Kessié dann zum späten Siegtor. Nach einem erneuten Gruppen-Aus in der Champions League und einer Niederlage im Hinspiel-Clásico stand Barça im Herbst vor dem Abgrund, „Xavi bleib’“, höhnten die Real-Fans ironisch.
Trainer Xavi Hernández blieb, opferte das bei Barça seit Johan Cruyffs Zeiten heilige 4-3-3 einem kompakteren 4-4-2, trotzte dem Ausfall von Schlüsselspielern, schlug Madrid 2023 bereits in Supercup und Pokalhalbfinalhinspiel und machte in der Liga aus drei Punkten Rückstand zwölf Punkte Vorsprung. Nach Kessiés Tor hüpfte auch er wie von Sinnen über den Platz.
„Man sollte nicht vergessen, wo wir herkommen“, sagte der 43-Jährige, von dem sie sich mittelfristig den Aufbau einer ähnlichen Ära erhoffen wie jener, die er einst als Spielmacher prägte.
Einer Ära wie unter Trainer Pep Guardiola – der dem Comeback am Sonntag auf der Ehrentribüne beiwohnte. Angesichts des jüngst eröffneten Ermittlungsverfahrens um die Zahlungen an Ex-Schiedsrichterfunktionär Negreira in den Jahren 2001 bis 2018 wurde dieser Präsenz viel Symbolik zugeschrieben. Denn es war das erste Mal seit seinem Abgang 2012, dass der heutige Manchester-City-Trainer für einen Heimatbesuch nicht eine alte Dauerkarte nutzte, sondern sich offiziell blicken ließ. In schweren Zeiten will die sonst oft zerstrittene Barça-Familie bedingungslos Seite an Seite stehen.
FLORIAN HAUPT