Flick verteidigt Neustart

von Redaktion

DFB startet das Projekt Heim-EM mit neuen Kräften – Kimmich überrascht, Musiala verletzt

VON MANUEL BONKE UND PHILIPP KESSLER

Frankfurt – Mit seinem Wunsch nach einem späten Bier stand Rudi Völler alleine da. Als der neue DFB-Direktor noch einen Schlummertrunk nehmen wollte, hatte sich Hansi Flick mit seinem Trainerteam nach dem Ausfall von Jamal Musiala schon zu einer kurzen Besprechung zurückgezogen. Doch trotz des geplatzten „Dates“ an der Hotelbar ist sich das Führungsduo der Nationalmannschaft über den Weg zu einer erfolgreichen Heim-EM einig, der Masterplan lautet: mehr Leidenschaft, mehr Gier, mehr Wille.

„Der Austausch“, betonte Flick bei einer gemeinsamen „Regierungserklärung“ auf dem DFB-Campus in Frankfurt/Main, „ist sehr gut.“ Niemand verkörpere schließlich „den deutschen Fußball so wie Rudi“. Schon nach den ersten Wochen der Zusammenarbeit steht für Flick fest: „Er ist voll dabei.“ Das bekamen die Nationalspieler direkt zu spüren. Vor der öffentlichen Regenerationseinheit im Stadion am Brentanobad schwor Völler das Team in einer Willkommensrede auf das große Ziel 2024 ein. „Das ist ein Glück, diese EM zu haben. Das werde ich den Spielern noch einmal vor Augen führen“, kündigte er mit Blick auf das „wunderbare und besondere Turnier“ an.

Musiala entgingen die Worte des Weltmeisters von 1990. Der Münchner Zauberer zog sich bei der Niederlage in Leverkusen (1:2) einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zu und reiste am Montag bei trübem Wetter aus dem DFB-Quartier in der Mainmetropole ab. Das Ergebnis von Flicks Gedankenspielen, wegen der er das Bier mit Völler verpasste: Der Bundestrainer wird keinen Ersatz für die Länderspiele am Samstag (20.45 Uhr/ZDF) gegen Peru in Mainz und drei Tage später in Köln gegen Belgien nominieren.

Der 58-Jährige sieht sich ohnehin mitten in einer Experimentierphase nach der völlig verpatzten WM in Katar. Seine sechs teils überraschend nominierten Neulinge Josha Vagnoman (Stuttgart), Marius Wolf (Dortmund), Mergim Berisha (Augsburg), Kevin Schade (Brentford), Felix Nmecha (Wolfsburg) und Malick Thiaw (AC Mailand) sollen alle ihr Debüt geben. „Das ist unser Plan. Wir sind neugierig darauf, was sie uns anbieten“, sagte Flick. Der Bundestrainer verzichtete bewusst auf einige Leistungsträger wie Thomas Müller, Ilkay Gündogan oder Antonio Rüdiger. Es sei aktuell die Aufgabe, „dass wir die Mannschaft in der Breite aufstellen“.

Joshua Kimmich zeigte sich davon überrascht. „Ich war nicht überrascht, dass der eine oder andere neu dabei ist. Ich war eher überrascht, dass der eine oder andere nicht dabei ist“, sagte der DFB-Kapitän unserer Zeitung. Er wolle zwar ungern Namen nennen, weil er sonst wieder Mitspieler unbeabsichtigt vergesse, „aber Marco (Reus), Ilkay (Gündogan), Thomas (Müller), Niki (Süle), Leroy (Sané), Toni (Rüdiger) – gerade die letzten drei hätte ich schon auf der Liste erwartet“. Auch Rekordnationalspieler Lothar Matthäus kritisierte die Auswahl. Flick verteidigte sich gestern: „Wenn ich nichts Neues gemacht hätte, hätte ich die Berichte gerne gelesen.“

Völlers Rückendeckung jedenfalls hat er. „Ich unterstütze ihn in jeder Hinsicht“, betonte er, der von Flick erhöhte Konkurrenzkampf tue „allen gut“. Beim Zusammenspiel mit dem Chefcoach seien die Rollen klar verteilt, stellte er zudem klar: „Hansi ist der Bundestrainer!“ Das sah man am Montag auch an der Kleidung. Flick nahm im schwarzen Trainingsanzug auf dem Podium Platz, Völler saß fast staatsmännisch im weißen Hemd und dunklen Pullover neben ihm. Drei Turnier-Enttäuschungen in Serie haben aber Spuren hinterlassen beim einst so stolzen und erfolgsverwöhnten Verband des viermaligen Weltmeisters.

Auch Kimmich hat sich viel vorgenommen, wenn er das Team am Samstag, 108 Tage nach der missglückten WM, gegen Peru (20.45 Uhr, ZDF) und am Dienstag gegen Belgien (20.45 Uhr RTL) aufs Feld führt. „Für mich sind das keine klassischen Testspiele. Für mich ist jedes einzelne ein Vorbereitungsspiel – und jedes einzelne Spiel müssen wir gewinnen.“ Kimmich will eine Siegesserie starten, wie es Italien im Vorfeld des EM-Titels 2021 oder Argentinien vor dem WM-Triumph 2022 geschafft hatte. „Für mich geht es darum, dass wir den Rhythmus finden. Dass wir in jedem Spiel Selbstvertrauen gewinnen – auch eine gewisse Kontinuität aufbauen“, erklärt der Münchner Mittelfeldspieler.

mit dpa

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