München – Ralf Schumacher konnte sechs Siege in seiner Formel-1-Karriere einfahren. Seit 2012 ist Schluss, dennoch ist der 47-Jährige als TV-Experte für Sky ein prägendes Gesicht der Szene geblieben. Zuletzt saß er sogar mal wieder hinter dem Steuer. Warum und wie er die aktuelle Situation in der Motorsport-Königsklasse sieht, erzählt Schumacher im Interview.
Herr Schumacher, tiefes Beileid. Als Hundebesitzer kann ich Ihren Schmerz nachvollziehen, nachdem ihre 22 Jahre alte Hündin Jessy gestorben ist.
Ja, danke. Es ging einfach nicht mehr, deshalb mussten wir eine schwere Entscheidung treffen. Ja, es ist sehr traurig, aber was einen trösten kann: Sie hat 22 Jahre lang ein sehr schönes Hundeleben gehabt.
Sie gelten als äußerst tierlieb. Sie haben eine Art Streichelzoo in Ihrer Heimat Kerpen aufgebaut. Was muss man sich darunter vorstellen?
Ich bin ja mit vielen Tieren aufgewachsen. Das prägt natürlich. Und da dank der Grünen jetzt doch nicht mein ganzer Heimatort dem Braunkohlenabbau zum Opfer fiel, habe ich die Gelegenheit genutzt, mein Elternhaus wieder so zu machen, wie es mal war. Ein Bauernhof mit vielen Tieren. Durch die neuen Pläne gibt es zum Glück auch die Kartbahn noch.
Haben sie mit dem Kartclub oder der Bahn noch etwas zu tun?
Ja, aber nicht mehr offiziell. Ich war bis vor kurzem noch Jugendleiter, jetzt macht das ein anderer, was deshalb sinnvoll ist, weil ich ja nicht immer vor Ort sein kann. Aber ich bin froh, dass es die Kartbahn noch gibt. Sie wurde ja neu asphaltiert. Und Teile von ihr liegen auf dem Grund, der mir gehört. Ich wohne ja direkt nebenan. Wir versuchen halt deutschen Nachwuchs zu fördern, was in Deutschland im Moment ja schwer genug ist.
Es soll ja sogar wieder ein Kart-WM-Lauf in Kerpen geben. Das wäre aus deutscher Sicht schön. In diesem Zusammenhang: Sie arbeite ja auch an einem Comeback, haben wir gehört …
… ich bin kürzlich in Hockenheim in einem LMP3 gefahren. Das Auto ist etwa drei Sekunden schneller als ein DTM-Wagen. Es ist eine Mischung aus einem Formel-Auto und einem Tourenwagen. Ich wollte einfach mal schauen, ob es noch geht. Erstaunlicherweise ging es noch ganz gut, zumindest auf diesem Fahrzeug. Ich werde jetzt noch zwei andere Autokategorien ausprobieren – und dann entscheiden. Sobald es was spruchreifes gibt, werde ich das dann kommunizieren.
Ihr Sohn David war ja auch beim Test in Hockenheim dabei.
Ja, das hat mich auch sehr gefreut. Er wollte halt mal wissen, was der alte Mann noch so kann. Er ist dann auch noch ein paar Runden mit dem Auto gefahren und hatte den gleichen Spaß wie ich. Ich jedenfalls kann jetzt noch viel besser nachvollziehen, warum Fernando Alonso mit seinen 41 Jahren immer noch fährt.
Gutes Stichwort: Alonso ist ja nicht viel jünger mit seinen 41 Lenzen. Muss er Angst haben, in Zukunft wieder gegen einen Schumacher fahren zu müssen?
(lacht) Das glaube ich eher nicht. Für Formel 1 bin ich dann doch wohl ein bisschen zu alt. Aber es ist bemerkenswert, was Fernando da abliefert. Er will ja nächstes um die WM fahren, unglaublich. Was mich sehr freut: Welche Leidenschaft und welchen Biss er noch hat.
Ihr Bruder Michael war 43, als er 2012 in Monaco noch auf Pole fuhr …
… ja, das zeigt doch nur, dass es an gar nichts fehlt. Das war bei Michael so, bei Fernando jetzt, aber auch bei Sebastian Vettel im vergangenen Jahr. Er konnte auch mit einem schlechten Auto den Unterschied machen. Das Problem des Alters ist: Je älter du bist, je mehr Aufwand musst du betreiben, um die notwendige Fitness zu erreichen. Das ist dann eine Motivationsfrage. Aber irgendwann hast du auch den Punkt erreicht, wo es nicht mehr geht. Dann tut man sich zu schwer gegen einen Fahrer in den Zwanzigern. Das ist aber auch gut so. Denn man soll der Jugend eine Chance geben.
Apropos Vettel: Bereut er womöglich, dass er zurückgetreten ist, wo er jetzt sieht, was mit dem Aston Martin möglich ist?
Ich glaube, das Thema ist für ihn abgehakt. Ich denke, er sitzt ganz relaxt auf dem Sofa und hat jetzt endlich Zeit, sich um seine Familie zu kümmern. Man darf ja einst nicht vergessen: Speziell die Ehefrau richtet ihr Leben über ein Jahrzehnt dem Partner aus. Irgendwann ist dann gut, dann muss man etwas zurückgeben. Ich denke, das hat Sebastian gut gemacht.
Kommen wir zum Mercedes-Team, das mit seinem Fahrzeugkonzept nicht mit den Klassenbesten Red Bull oder Aston Martin mithalten kann – und praktisch ein neues Auto bauen muss. Ist das nicht die Chance für Ihren Neffen Mick, sich jetzt als Test- und Ersatzfahrer von Mercedes zu profilieren?
Grundsätzlich muss er sehr viel lernen. Alles aufsaugen, was es bei Mercedes gibt. Er hat aber leider nicht die Möglichkeit, das Auto direkt auf der Strecke zu fühlen. Was er aber wohl machen kann: Im Simulator zu zeigen, dass seine Arbeit Früchte trägt, seine getesteten Änderungen für die Stammfahrer Lewis Hamilton und George Russell Sinn macht und das Auto besser wird. Ansonsten muss er abwarten, dass er eine Chance auf einen Einsatz bekommt und dann zuschlagen. Er braucht gerade viel Geduld und auch ein wenig Glück, um wieder ein Cockpit zu bekommen.
Ein Lewis Hamilton auf Augenhöhe mit Max Verstappen wäre extrem wichtig für die Spannung im WM-Kampf. Aber danach sieht es nicht aus.
Lewis wirkte zuletzt richtig frustriert, weil er mit dem Auto keine Chance hat. Man kann aber auch sehen, wie motiviert er trotzdem ist, unbedingt seinen achten Weltmeistertitel zu erreichen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, ein Auto zu haben, mit dem man nicht gewinnen kann. Wird er deshalb aber Mercedes verlassen? Um sich zu verbessern, müsste er schon zu Red Bull wechseln. Das ist aber eher nicht realistisch.
Ist Max Verstappen in dieser Saison überhaupt zu schlagen?
Ich glaube nicht. Er kann sich nur selbst schlagen. Red Bull spielt mit den anderen. Ich gönne Max aber den Erfolg.
Kann man ihn mit Ihrem Bruder oder Ayrton Senna vergleichen?
Ich halte von solchen Vergleichen nicht viel. Max ist Max, eine eigene Persönlichkeit. Ich mag wie er ist, wie er auftritt. Er ist authentisch, kann auch unbequem werden. Er hat null Starallüren. Außerdem ist mir seine Kleiderwahl lieber als die von manchen anderen. Aber Spaß beiseite: Max kann eine neue Ära einleiten und das gönne ich ihm. Er hat sich alles hart erarbeitet und es absolut verdient. Er hatte es bestimmt als junger Kartpilot nicht immer einfach mit seinem Vater, der eher die harte Schule zur Erziehung seines Sohnes wählte. Es hat sich aber ausgezahlt.
Interview: Ralf Bach