München – Im Dezember, während die WM in Katar lief, hatte Julian Nagelsmann ein Ritual. Wenn sich der Tag im Wüstenemirat dem Ende neigte und alle Partien abgepfiffen waren, ging der Blick des Bayern-Trainers auf das Verletzten-Tableau. Ein Spieltag ohne einen weiteren Angeschlagenen aus dem eigenen Kader – und Nagelsmann ging beruhigt ins Bett. Ein Spieltag mit Bayern-Blessuren – und die Sorgen schliefen mit. So oder so ähnlich wird es auch in der aktuellen Abstellungsperiode sein. Wobei die ersten Schreckensmeldungen die Säbener Straße ja schon erreichten, ehe überhaupt gekickt wurde.
Eric Maxim Choupo-Moting sagte die Reise zur Nationalmannschaft Kameruns wegen anhaltender Rückenbeschwerden ab, Jamal Musiala trat vom DFB-Camp aus Frankfurt bekanntermaßen schon am Montag wegen eines Muskelfaserrisses die Heimreise an. Die beiden Schlüsselspieler, die man im direkten Duell mit Tabellenführer Borussia Dortmund am 1. April freilich gerne dabei hätte, arbeiten individuell in der Reha, während 19 ihrer Kollegen auf Reisen sind. Nagelsmann hofft auf einen gewissen Kur-Effekt des Tapetenwechsels – und sagte nach der Pleite in Leverkusen: „Wenn sie die Spiele gewinnen und super Spiele machen, dann kann es in unserem Fall nach einer Niederlage auch ein Vorteil sein, wenn die Spieler mal was anderes sehen.“
Viel Zeit zum Nachdenken gibt es nicht. Die nach der Nicht-Nominierung von Thomas Müller und Leroy Sané sowie der Verletzung von Manuel Neuer verbliebenen deutschen Nationalspieler Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Serge Gnabry haben ihren Koffer schon vor der Reise nach Leverkusen packen müssen. Direkt ging es nach Frankfurt, wo man sich auf die Länderspiele gegen Peru am Samstag in Mainz sowie drei Tage später gegen Belgien in Köln vorbereitet. Damit kehrt der DFB-Tross einen Tag später zurück als etwa die drei Franzosen Dayot Upamecano, Kingsley Coman und Benjamin Pavard, die allerdings nicht nur in Freundschaftsspielen, sondern in der Qualifikation für die EURO 2024 gefordert sind. Gegner in Paris und Dublin sind die Niederlande und Irland.
Am Freitag kommt es im Stade de France somit zum großen Bayern-Klassentreffen. Denn aufseiten der Elftal warten Matthijs de Ligt und Daley Blind auf die französischen Kollegen. Das Duo, in Katar im Viertelfinale am späteren Weltmeister Argentinien gescheitert, ist am Montag noch in Rotterdam gegen Gibraltar dran, ehe es zurück nach München geht. Dort wird Joao Cancelo schon zugegen sein – denn Portugal spielt am Donnerstag und am Sonntag gegen Liechtenstein und in Luxemburg.
Yann Sommer (mit der Schweiz gegen Belarus und Israel), Josip Stanisic (gegen Wales und die Türkei für Kroatien) und Noussair Mazraoui (mit Marokko gegen Brasilien und Peru) kehren erst zur unmittelbaren Spielvorbereitung auf den Liga-Gipfel am Mittwoch zurück. Nach und nach trudeln kommende Woche auch die U-Nationalspieler Mathys Tel (U 19 für Frankreich), Ryan Gravenberch (U 21 für die Niederlande) sowie Paul Wanner und Arijon Ibrahimovic (U 18 für Deutschland) ein. Sie spielen mit Blick auf den BVB allerdings eher eine untergeordnete Rolle – anders als Alphonso Davies und Sadio Mané, die Sorgenkinder dieser Abstellperiode.
Bei Davies ist vor allem der Zeitplan kritisch. Denn Kanada spielt in der CONCACAF Nations League nach der Partie gegen Curacao erst in der Nacht auf Mittwoch (2 Uhr) in Toronto gegen Honduras. Immerhin ein paar Stunden vorher wird am Dienstag Manés Spiel mit dem Senegal in Maputo gegen Mosambik angepfiffen. In den ersten Einsätzen seit der verpassten WM will Afrikas Fußballer des Jahres im Trikot seines Heimatlandes bessere Auftritte hinlegen als zuletzt im Bayern-Dress, wo er nach seiner Verletzung noch nicht wieder in Tritt kam. Nach Abpfiff allerdings warten rund zehn Stunden Flug. Nicht nur Nagelsmann blickt bange auf den Trip. HANNA RAIF