Chance des Frauenfußballs

In die Dienstwägen – und Vollgas!

von Redaktion

HANNA RAIF

Als Linda Dallmann vergangene Woche auf den Stellenwert des Frauenfußballs angesprochen wurde, erzählte sie von ihrem neuen Auto. Ja, die Frauen des FC Bayern bekommen inzwischen auch Dienstwägen eines AG-Hauptsponsors – und die derzeit verletzte Stürmerin sagte dazu: „Wir spüren Dankbarkeit. Und wir wollen etwas zurückgeben.“ Ihre Worte kamen aus tiefstem Herzen, man nahm sie ihr ab. Trotzdem hatte man im Hinterkopf schnell das Bild einiger männlicher Kollegen, für die das Sponsoren-Mobil halt eher die Pflicht-Karre ist – neben den ein, zwei, drei Luxusschlitten in der Garage.

Es bietet sich so oft an, aber es ist doch mühsam, dieses Ungleichgewicht auf allen Ebenen ständig zum Thema zu machen. Der Männer-Fußball spielt – positiv formuliert – in seiner eigenen Welt, oder wahlweise in einer abgehobenen Blase. Das ist auch Dallmann klar, die ihre Worte daher lieber in eine ganz andere Richtung interpretiert wissen wollte: Der Frauenfußball erlebt seit der EM im Sommer zwar einen Boom, lässt ihn sich aber nicht zu Kopf steigen. Vielmehr zeigt er sich als Feld, das seinen eigenen Weg gehen will, kann und sollte. Sportlich attraktiv, konkurrenzfähig und am Puls der Zeit; aber trotzdem bodenständig, sympathisch und volksnah. Eine eigentlich einzigartige Chance – und trotzdem nur erfolgversprechend, wenn wirklich alle sie nutzen.

Der Blick der deutschen Protagonistinnen geht da vor allem in Richtung Verband, wo – gelinde gesagt – Nachholbedarf herrscht. Während über die Agenturen gestern die Meldung zum 50-jährigen Jubiläum der Trikotwerbung im Männer-Fußball lief – hurra! –, sind die Kolleginnen am Ball heute noch froh, wenn Bundesliga-Spiele in den Wintermonaten nicht dem Wetter zum Opfer fallen. Die Strukturen passen aktuell weder in Reihen des DFB noch in diversen Clubs zu den Ansprüchen und vor allem dem Potenzial, das in dieser noch so wenig ausgereizten Branche steckt. Es fehlen Mindeststandards, überall. Ohne Fundament aber: kein Haus!

Wenn die Hoffnung auf Professionalisierung und Nachhaltigkeit nicht verpuffen soll wie nach der Heim-WM 2011, muss schnell gehandelt werden. Die Ausgliederung, eine Art Frauen-DFL, wäre ein wichtiger Schritt, der alle weiteren begünstigen würde. Das Momentum ist so gut ist wie nie zuvor, das hat nicht zuletzt der Zulauf gestern Abend beim Spiel der FC Bayern Frauen gegen den FC Arsenal gezeigt. Dass trotzdem zwei Drittel der Plätze in der Allianz Arena noch leer waren, sollte ein Ansporn sein. Ab in die Dienstwägen, Ladies – Vollgas!

Hanna.Raif@ovb.net

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