Frankfurt – Gut 19 Jahre nach seinem Rücktritt als Teamchef der Nationalmannschaft ist Rudi Völler (62) zurück beim Deutschen Fußball-Bund. Als Sportdirektor soll er nach drei Turnier-Enttäuschungen die Stimmung rund um das DFB-Team wieder heben. Wir sprachen mit ihm und Reiner Calmund (74), seinem alten Gefährten aus Leverkusener Zeiten, über die Zukunft des DFB.
Herr Völler, was sagen Sie denen, die Ihre Rückkehr als Verzweiflungstat sehen?
Calmund: Moment! Da muss ich mich gleich dazwischenwerfen. Franz Beckenbauer ist zwar dank all seiner Erfolge und Verdienste Deutschlands unumstrittener Fußball-Kaiser. Aber direkt dahinter steht Rudi als der deutsche Fußball-König. 1986 Vizeweltmeister in Mexiko, 1990 der Gewinn der WM. Torschützenkönig, Fußballer des Jahres und Champions-League-Sieger. Nach dem frühen Ausscheiden bei der WM 2022 bildete sich eine top besetzte DFB-Task-Force zur Aufarbeitung der Krise. Nach seinem damaligen Einstieg als Bundestrainer ist Rudi jetzt zum zweiten Male der Retter in der Not. Völler: Bei allem Respekt, lieber Calli, aber bitte nicht übertreiben. Im Jahr 2000 kam total überraschend ich zum Bundestrainer-Amt, das war überhaupt nicht absehbar. Erst einen Tag vor der Sitzung hatte mich Calli über das Meeting mit dem DFB und Bayern München informiert. DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder nannte dann als Erster meinen Namen, als Bayer 04 die Freigabe des damaligen Trainers Christoph Daum erst für zehn Monate später in Aussicht stellte. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge waren sofort von dieser Idee begeistert. Mehr war nicht geplant.
Aus zehn Monaten wurden vier Jahre. Gibt es da jetzt auch Parallelen?
Völler: Nicht wirklich. Jetzt mache ich den Job beim DFB aus meiner Erfahrung der vergangenen 20, 30 Jahre heraus. Ich war Nationalspieler, war schon Trainer beim DFB, war Trainer in Leverkusen, vor allem habe ich dort im Management des Vereins viel erlebt. Vor diesem Hintergrund unterstütze ich Hansi Flick in jeder Hinsicht.
Wie sehr werden Sie sich in seine Arbeit einmischen?
Völler: Überhaupt nicht. Hansi ist der Bundestrainer. Er nominiert, trainiert und macht die Taktik. Natürlich tauschen wir uns auch mal aus, ich werde auch mal bei der einen oder anderen Sitzung dabei sein. Ich mag und schätze Hansi und möchte ihm den Rücken stärken. Mein Job ist es, den Kontakt zu den Vereinen zu halten. Das ist sehr wichtig, kann aber letztlich nicht auch noch ins Aufgabengebiet des Bundestrainers fallen. Ich kenne noch aus meiner Leverkusener Zeit alle Verantwortlichen der Liga, einige waren sogar noch meine Spieler. Das ist eine hervorragende Arbeitsbasis – gerade auch wenn es mal Konflikte geben wird, Denn hin und wieder muss ich vor dieser Europameisterschaft auch mal sagen, dass der DFB jetzt vorgeht.
Und wie als Bundestrainer machen Sie dann drei Jahre länger den Job?
Völler: Ich mache das bis nach der Europameisterschaft, so ist die klare Planung. Meine Lebensplanung war ja schon bis zum Ende des kommendes Jahres eigentlich eine ganz andere. Aber es geht nun mal um diese EM. Bei uns zu Hause, in Deutschland. Da wird jedes einzelne Spiel ausverkauft sein. Ganz Europa trifft sich hier in Deutschland. Da wird vier Wochen die Luft brennen – im positiven Sinne. Wir werden uns als Land hoffentlich von unserer besten Seite zeigen, mit viel Enthusiasmus und gastfreundlich gegenüber allen unseren Besuchern.
Vizeweltmeister 2002, Sommermärchen 2006, eine tolle WM 2010, Weltmeister 2014: Warum sind die Form der Mannschaft und Euphorie rund um sie gesunken?
Völler: Wir haben immer noch große fußballerische Qualität, aber ein paar Prozent haben zuletzt gefehlt. Daran wird jetzt intensiv und hart gearbeitet. Das Herzstück der nächsten sieben, acht Jahre werden Spieler wie Kai Havertz, Florian Wirtz, Jamal Musiala, Julian Brandt oder Joshua Kimmich bilden – um nur einige zu nennen.Es ist wichtig, dass solche Spieler jetzt in die Pflicht genommen werden. Wenn zu dieser fußballerischen Klasse, auch mit Hilfe der anderen Spieler, Faktoren wie Wille, Einsatz, Unnachgiebigkeit und Leidensfähigkeit hinzukommen, bin ich überzeugt, dass wir die Unterstützung der Fußballfans zurückgewinnen.
Publikumsfreundlichere Anstoßzeiten, mehr öffentliche Trainingseinheiten, insgesamt ein volksnäheres Auftreten – gibt es weitere Ansatzpunkte, um die Mannschaft wieder beliebter zu machen?
Völler: Selbstverständlich wollen wir Fan-Nähe zeigen. Auch frühere Anstoßzeiten sind wichtig. Aber das Wichtigste sind und bleiben die Spiele. Am Ende kannst du noch so viele positive Dinge nebenbei machen. Doch die Fans müssen das Gefühl haben, dass sich die Spieler für die Nationalmannschaft zerreißen. Argentinien ist zurecht Weltmeister geworden. Man hatte einfach das Gefühl, dass sie es unbedingt wollten. Aber vom Kader war das Team nicht besser besetzt als wir.
Ist es nicht zu einfach, das WM-Aus nur an 20 schlechten Japan-Minuten festzumachen?
Völler: Wir wollen nichts schönreden. Aber das sind einfach Fakten: Wir haben in den drei Vorrundenspielen doppelt so viele Chancen wie die Franzosen kreiert, teilweise hochkarätige. Wir haben auch gar nicht viele Chancen zugelassen. Nur, die wenigen, die wir zugelassen haben, die waren drin. So ist Fußball auf Topniveau, wir wurden extrem hart für unsere Fehler bestraft. Das ist der Unterschied zur WM 2018 – da waren wir deutlich schlechter im Turnier als nun in Katar.
Wäre es nicht sinnvoller gewesen, jetzt schon ein Team einzuspielen statt so viele etablierte Spieler zu Hause zu lassen?
Calmund: Ich erinnere gerne an 1994. Rudi war eigentlich zwei Jahre zuvor aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, ist dann aber mit 34 Jahren doch mit zur WM gefahren. Spieler wie Marco Reus, Thomas Müller oder Ilkay Gündogan sind bei der EM auch 33 oder 34. Sie können nicht so viele englische Wochen absolvieren. Aber bei einem Turnier können sie immer noch ein Faktor sein.
Leroy Sané fehlt im Aufgebot. Liegt es an seiner Einstellung?
Völler: Wenn Leroy sein komplettes Potenzial abruft, ist er eine Klasse für sich. Das versuchen die Bayern und wir künftig noch konstanter aus ihm herauszukitzeln. Calmund: Jeder sagt, dass Sané und auch Serge Gnabry viel mehr können. Das hat man ja auch phasenweise gesehen. Bei beiden muss mehr Kontinuität rein.
Noch mal zur EM 2024: Was trauen Sie Deutschland zu?
Völler: Frankreich wird sicherlich der Top-Favorit sein, das ist das Maß aller Dinge. Dahinter gibt es vier, fünf Nationen, zu denen ich uns zähle. Auch wenn es jetzt zweimal in Folge bei der WM schief gegangen ist, brauchen wir uns vor keiner Nation zu verstecken. Wir können durchaus ein Wörtchen mitreden. Wir haben den Heimvorteil, deshalb brauchen wir die Fans. Wenn du bis zum letzten Atemzug alles gibst, dann wirst du auch belohnt durch die Unterstützung der Menschen.
Sprechen Sie aus Erfahrung?
Völler: In den Ligen holt meist die beste Mannschaft den Titel, weil sich das über ein ganzes Jahr auszeichnet. Bei einem Turnier kommt es auf Kleinigkeiten an. Unser Kader bei der WM 1994 war besser als 1990. Aber wir waren keine Einheit wie vier Jahre zuvor in Italien. Da haben auch ein paar Prozentpunkte gefehlt. Das wollen wir im kommenden Jahr besser machen. Calmund: Ich habe für mich mal meinen vorläufigen EM-Kader erstellt, für den ich als Basis die Kicker-Ranglisten sowie die internationale Bewertung der in Frage kommenden Spieler berücksichtigt habe. Da kann man erkennen, dass er durchaus leistungsstark ist, obwohl ein Weltklassespieler im Angriffszentrum fehlt.
Sollte trotzdem auch die EM enttäuschend enden: Wäre dann noch einmal ein Teamchef-Comeback denkbar?
Völler: Absolut ausgeschlossen. Zumal ich mir sicher bin, dass wir eine tolle Europameisterschaft erleben werden.
Interview: Marcel Schwamborn