Tuchels Vorstellung

Keine Spur des Eigenbrötlers

von Redaktion

MANUEL BONKE

Als Bundestrainer Hansi Flick durch die DFB-Akademie in Frankfurt schritt und den Verfasser dieser Zeilen sah, meinte er verschmitzt: „Sie noch hier – und gar nicht in München?“ Flick kennt die Mechanismen, wenn beim FC Bayern ein Trainer-Wechsel ansteht und welch mediale Wucht dahintersteckt. Und es wäre mehr als naiv zu glauben, dass sich hinter den Kulissen der DFB und der deutsche Rekordmeister bei einer solch brisanten Thematik nicht austauschen würden. Die Drähte waren kurz zwischen München und Frankfurt in den knapp 24 Stunden zwischen der Erstmeldung am Donnerstagabend und der finalen Bestätigung am späten Freitagnachmittag: „Der FC Bayern stellt Julian Nagelsmann frei. Thomas Tuchel wird neuer Cheftrainer.“

Bereits am Samstag saß der Neue dann schon bei seiner Vorstellung in der Allianz Arena und schaffte es, trotz der Brisanz der Umstände, zumindest schon mal rhetorisch eine Aufbruchstimmung zu verbreiten. Tuchel war in seiner Kommunikation klar, fachlich kompetent, charmant und gierig auf Titel. Flankiert von CEO Oliver Kahn und Sportvorstand Hasan Salihamidzic erweckte er den Eindruck, dass er einen 8000er Berg locker hinunter surft, während seine Vorgesetzten den beschwerlichen Weg mit Mühe ins Tal stapfen. Keine Spur eines taktik-verbohrten Eigenbrötlers – ein Image, das ihm nach seinen Bundesliga-Stationen in Mainz und Dortmund anhaftete.

Augenscheinlich hat Tuchel durch seine Auslandsstationen an Coolness und Empathie hinzugewonnen: In Paris moderierte er eine mit Stars gespickte Mannschaft – mit Neymar an der Spitze. Die brasilianische Diva hatte sich bei PSG ein eigenes kleines Universum erschaffen. Und Tuchel war ein fester Bestandteil dieses Kosmos. Wie er das schaffte? „Er ist liebevoll, weiß aber auch, wann es nötig ist, uns die Ohren lang zu ziehen“, sagte Neymar einst über seinen damaligen Trainer.

Beim FC Chelsea übernahm der Fußballlehrer ebenfalls unter der Saison das Zepter und gewann sofort die Champions League. Verständlich also, dass Tuchel ein gewisses Selbstbewusstsein ausstrahlt, das bei seiner Vorstellung zu keinem Zeitpunkt unangenehm war. Die Idealvorstellung des Mia san mia.

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