Am 6. März dieses Jahres traf die ukrainische Tennisspielerin Marta Kostjuk auf die russische Tennisspielerin Warwara Gratschewa. Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), nannte diese Partie jüngst als Beispiel für eine gelungene Wiedereingliederung russischer und belarussischer Sportler in den Weltsport. Die Wahrheit: Kostjuk verweigerte Gratschewa nach ihrem Turniersieg in Austin den Handschlag, brach unter Tränen zusammen. Die Beurteilung der Szene zeigt einmal mehr deutlich auf, wie verschroben die Perspektive der IOC-Schurken um Bach ist.
Ab heute soll eine Antwort darauf gefunden werden, nicht ob, sondern wie russische und belarussische Athleten wieder an Wettbewerben und somit auch an den Olympischen Spielen nächstes Jahr in Paris teilnehmen dürfen. Der internationale Fechtverband ist schon vorgeprescht. Hier dürfen russische Sportler wieder fechten, während die ukrainische Regierung Fechtwettkämpfe boykottiert. Für Olympiasiegerin Olga Kharlan und viele weitere kann diese Entscheidung das Karriereende bedeuten. Der Deutsche Fechter-Bund hat die FIE-Entscheidung akzeptiert, ein beschämendes Wegducken. Auch das zeigt, dass die russischen Oligarchen – wie Alischer Usmanow, der den Fechtverband quasi im Alleingang finanzierte – weiter großen Einfluss haben, selbst wenn ihre Ämter aktuell offiziell ruhen.
Es droht ein riesiges Chaos rund um die Qualifikation für Paris. Und ausbaden müssen es mal wieder die Sportler. Schon bei den Spielen in Sotschi und Peking wurden sie mit politischen Fragen überfrachtet, auf die sie keine Antworten haben konnten. Viele Athleten haben da schon beklagt, dass ihnen der – vielleicht einmalige – Moment auf der größten Bühne des Sports genommen wurde, da sie sich solchen Diskussionen stellen müssen. Eigentlich wäre es die Aufgabe der Weltverbände gewesen, frühzeitig für klare Verhältnisse zu sorgen und sich schützend vor die Sportler zu stellen.
Aber Bach, der stets betont, dass man Sport und Politik trennen müsse, missbraucht den Sport weiter für seine Politik. Der 69-Jährige stützt sich darauf, dass man niemanden aufgrund seiner Herkunft diskriminieren darf – und auf eine vermeintliche Neutralität. Das fehlende Abspielen der Nationalhymne oder eine fehlende russische Flagge ändern aber gar nichts. Ukrainische Sportler werden bei russischer Beteiligung zwangsläufig an all das Leid in ihrem Heimatland denken. An die Zerstörung ganzer Städte. An verlorene Freunde und Familie. Am 10. März fiel Maksym Galinichev im Krieg. Ein 22-jähriger Boxer, der sich den Truppen anschloss, um seine Heimat zu verteidigen, statt an Wettkämpfen teilzunehmen. Galinichev ist einer von vielen ukrainischen Sportlern, die im Krieg gestorben sind. Und eine Erinnerung daran, dass es hier keine Neutralität geben kann.
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