„Wir sind stark genug, um zu gewinnen“

von Redaktion

INTERVIEW mit Belgiens Torwart-Legende und Ex-Münchner Jean-Marie Pfaff

Jean-Marie Pfaff stand 64-mal für Belgien zwischen den Pfosten. 1980 wurde er Vize-Europameister – nach einer Finalniederlage gegen Deutschland (1:2). Unsere Zeitung hat vor dem heutigen Duell mit dem 69-Jährigen gesprochen.

Deutschland und Belgien haben eine sehr enttäuschende WM gespielt. Welches Spiel erwarten Sie am Dienstag?

Wenn diese beiden Mannschaften aufeinandertreffen, ist es immer ein tolles Spiel. Sowohl bei Deutschland als auch bei Belgien findet ein Umbruch statt. Die neuen Spieler wollen sich präsentieren. Klar ist: Freundschaftsspiele gibt es nicht mehr. Niemand will diese Partie verlieren. Denn sonst gibt es sofort wieder Kritik. Es geht ums Prestige.

Nach der WM musste Roberto Martinez die belgische Nationalmannschaft verlassen. Sein Nachfolger ist mit Domenico Tedesco ein Deutscher. Was halten Sie von ihm?

Martinez hat während seiner Amtszeit nichts erreicht. Er hat von seinem Vorgänger Marc Wilmots mit dieser Mannschaft ein Geschenk bekommen. Normalerweise hätte er mit dem Team ein Titel holen müssen. Und zu Tedesco: Ich kenne den Mann nicht wirklich. Ich habe gelesen, dass er bei Leipzig und Schalke Trainer war und dass er Deutsch-Italiener ist. Man muss ihm eine faire Chance geben. Man braucht mit der Mannschaft jetzt Geduld – auch mit dem Trainer und seinem deutschen Staff. Aber wichtig ist, dass er die Qualifikation für die kommende Europameisterschaft schafft. Wenn er das nicht hinbekommt, dann muss er sich einen neuen neuen Job suchen.

Das 3:0 am Samstag in der EM-Quali gegen Schweden war aber schon mal ein guter Anfang.

Das stimmt. Aber bei aller Liebe: Schweden ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Ein Spieler mit 41 Jahren (Zlatan Ibrahimovic, Anm. d. Red.) kann man aufgrund seiner Historie als Motivation dabei haben. Aber er kann nicht der Mann sein, der Schweden wieder groß machen soll. Dennoch war es ein gutes Spiel von Belgien.

Mit Hertha-Stürmer Dodi Lukebakio hat ein Angreifer aus der Bundesliga zwei Tore aufgelegt. Wie schätzen Sie ihn ein?

Ich kann nichts zu ihm sagen. Ich kenne ihn nicht. Es sind einige Spieler unter Tedesco wieder neu dabei. Wie sagt man so schön? Neue Besen kehren gut. Diese Talente muss man erst reifen lassen. Sie wollen sich zeigen. Eines muss man sagen: Wir haben eine gute Mannschaft.

Einer, vor dem sich Deutschland in Acht nehmen muss, ist Stürmer-Star Romelu Lukaku. Er hat alle drei Tore gegen Schweden erzielt.

In letzter Zeit hatte er es schwierig. Er wechselte zwischen Inter Mailand und Chelsea hin und her, dazu kamen unglückliche öffentliche Aussagen und Verletzungen. Ich freue mich, dass er wieder getroffen hat. Aber die Leute wollen nicht, dass er nur zehn Tore macht, sondern verlangen 100. Lukaku ist ein Baumstamm. So breit, so groß. Er erzielt aus allen Lagen Treffer. Er ist immer eine Gefahr. Aber wir haben auch Kevin de Bruyne und andere gute Spieler.

Wie schätzen Sie die deutsche Mannschaft ein?

Hansi Flick hat viele neue Spieler einberufen. Früher kannte man alle Namen. Dieses Mal waren mir nur sehr wenige ein Begriff. Gegen Peru hat sich Deutschland bis zum 1:0 schwergetan. Der rechte Verteidiger (Marius Wolf, Anm. d. Red.) hat es gut gemacht, finde ich. Er war sehr offensiv. Belgien kann versuchen, in seinen Rücken zu kommen und so eine Chance zu bekommen. In der Mitte braucht Deutschland aus meiner Sicht auch noch ein bisschen mehr Disziplin.

Muss Belgien die DFB-Elf überhaupt noch fürchten?

Natürlich. Wichtig ist, dass sie sich einspielen und die Automatismen greifen. Deutschland muss man immer auf dem Zettel haben. Aber die DFB-Elf darf auch Belgien nicht unterschätzen. Peru hat ziemlich lax verteidigt. Wir sind ein anderer Gegner. Ich glaube, wir sind stark genug, um das Spiel gegen Deutschland zu gewinnen.

Interview: Philipp Kessler

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