Barcelona – La Ola geht durch das Camp Nou, während auf den Bildschirmen ein Countdown herunterläuft. Die letzten zehn Sekunden werden vom Publikum skandiert, drei, zwei, eins. Es ist kurz nach 16 Uhr, der Warm-up zum Final-Four der Kings League beginnt. Das größte Stadion Europas ist ausverkauft. Zum Anpfiff anderthalb Stunden später werden 92 522 Menschen gezählt.
Kings League? So heißt die Fußball-Revolution von Gerard Piqué, deren erste Halbsaison am Sonntag beendet wurde. Sieben Spieler pro Team, 40 Minuten ohne große Unterbrechungen und allerlei kuriose Joker, mit denen die Trainer eingreifen können: Es soll dynamischer und lustiger zugehen als im althergebrachten Ballsport. Dazu kommt die Liaison mit der Welt des Internets. Mit wenigen Ausnahmen wie den Ex-Stars Iker Casillas und Sergio Agüero gehören die zwölf Teams einigen der bekanntesten Streamer der spanischsprachigen Welt.
Die meisten Besucher im Camp Nou schauen entsprechend aus: Kapuzenpullis, große Brillen, Kopfhörer. Mit geschicktem Marketing, dem Charme des Ungewohnten und einer gewissen Revoluzzer-Attitüde hat es die Kings League zum Stadtgespräch in Barcelona gebracht; der Spielerbus wird vor dem Stadion von Massen mit Bengalos und Gesängen empfangen, als spiele der lokale Herzensclub Barça um die Meisterschaft. Obwohl die Kings-League-Spieler überwiegend aus unterklassigen Ligen kommen, haben die Teams dank ihrer Streamer-Präsidenten schon eine eigene Fanbase aufgebaut. „Es ging darum groß zu denken“, sagt Piqué über den triumphalen Erfolg. „Aber das war nur der erste Schritt.“
Die Pläne gehen weit über Barcelona hinaus. Piqué, Ex-Weltmeister, Ex-Partner von Shakira und kürzlich bei Barça zurückgetretener Innenverteidiger, mag mit seiner umstrittenen Reform des Tennis-Davis-Cups gescheitert sein. Doch der Multiunternehmer – dem etwa auch Zweitligist FC Andorra gehört – hat sich nicht entmutigen lassen. Während des Aufgalopps verkündet er, dass Superstar Neymar („Hier gibt es nur einen König!“) ein Team übernehmen wird, wenn alsbald in Brasilien eine eigene Kings League gegründet wird. Am Ende soll ein weltweites System mit einer Art Champions League stehen.
Zur Neymar-Bekanntgabe wurde eine Entführung Piqués mit Erpressung durch den PSG-Star inszeniert. Ziemlich albern, doch Klamauk ist fester Bestandteil der Show. Am Camp Nou ist Piqué mit den Präsidenten der vier Finalisten per Hubschrauber eingeschwebt, danach wird am Spielfeldrand mit allen Teamchefs getalkt. Solche Runden gab es auch vor und nach jedem Spieltag. Das erzeugt Nähe, ist aber auch ironisch: Mit den kürzeren Spielen will die Kings League den Aufmerksamkeitsspannen der SmartphoneÄra gerecht werden. Gequasselt wird dafür umso mehr; die Streamer wirken wie berauscht von der Resonanz.
1,38 Millionen im Schnitt und 2,16 Millionen in der Spitze schauen über das Internet zu, als etwa die Troncos („Baumstämme“, auch „Kumpel“) und Aniquiladores („Vernichter“) auf dem reduzierten Feld in der Mitte des Camp Nou zum ersten Halbfinale antreten. Bald rufen die Aniquiladores als erste Sonderaktion einen „Präsidenten-Elfmeter“ auf, den Vize-Teamchefin Espe ausführt. Ihr harter Schuss prallt von der Latte ab: Wembley-Tor. Nach Videobeweis entscheidet der Schiedsrichter, dass der Ball nicht vollumfänglich hinter der Linie war. Jedem Trainer steht ein Var-Eingriff pro Spiel zu – eine Praxis, wie sie Kritiker auch für den normalen Fußball fordern.
Es gibt weitere Aspekte, die nahelegen, warum etwa Spaniens Ligachef Javier Tebas sehr dünnhäutig auf die neue Herausforderung reagierte („Zirkus“). Die Schiedsrichter erklären über Mikrofone ihre Entscheidungen, ebenso werden Traineransprachen übertragen, gewechselt wird fliegend und die Joker schaffen strategische Elemente. Das Publikum jauchzt, wieder geht La Ola durch das Camp Nou, ehe ein Penaltyschießen entscheiden muss, ausgespielt wie beim Eishockey.
„Wir wollen uns nicht mit dem traditionellen Fußball vergleichen, sondern etwas ganz anderes sein“, sagt Piqué. Zwischen den Final-Four-Spielen gibt es Freestyle-Rap-Wettbewerbe und Konzerte. Sport und Show, irgendwo zwischen Biathlon auf Schalke und Superbowl, aber halt schon cool, urban, jugendlich. Außerdem: unvorhersehbar. Das Endspiel bestreiten die beiden Teams, die nach der regulären Saison auf den letzten Plätzen ins Viertelfinale eingezogen sind. El Barrio („Das Viertel“) schlägt die Aniquiladores mit 3:0 und ist erster Champion. Schon ab Mai folgt die zweite Halbserie, dann startet außerdem ein Frauenturnier, die Queens League.
Am Sonntag im Camp Nou ist es fast 23 Uhr, als die Fans lachend auseinandergehen. So wie es aussieht, werden sie wiederkommen.