„Meine Geschichte ist einmalig“

von Redaktion

Melanie Leupolz über Mamasein im Profi-Alltag, Chelseas Teambaby – und Australien mit Kind

München – Aufstehen, Baby versorgen, Frühstücken, Abschied nehmen, Training – und als Melanie Leupolz ans Telefon geht, sitzt sie gerade im Flugzeug. Junge Mütter müssen jede Sekunde nutzen, und so findet das Gespräch über den Spagat zwischen Profifußball und Familie halt statt, während die 28-Jährige auf den Abflug wartet. Vergangene Woche trat Leupolz die erste Champions-League-Reise seit der Geburt ihres Sohnes im Oktober 2022 an. Heute trifft sie im Rückspiel mit dem FC Chelsea auf Olympique Lyon.

Frau Leupolz, wie war die Nacht?

(lacht) Nächste Frage!

Wie viele Stunden am Tag sind Sie Profi-Fußballerin –und wie viele Mutter?

Von 10 bis 14 Uhr bin ich Profifußballerin, am Rest des Tages – also 20 Stunden – bin ich Mutter.

Und 24 Stunden im Einsatz.

Sozusagen. Einerseits ist es anstrengend, andererseits gibt es mir so viel Energie und Kraft. Ich denke mir heute auch, dass ich früher viel Zeit verschwendet habe, auf Netflix oder in den sozialen Netzwerken zum Beispiel. Diese Zeit nutze ich jetzt deutlich sinnvoller. Ein Riesenunterschied ist außerdem, dass man die Zeit viel besser organisieren und managen muss. Wir müssen 1000 Sachen im Voraus planen – und dann kommt es trotzdem anders und man muss flexibel sein. Früher habe ich mehr in den Tag reingelebt – heute denke ich voraus, wie der ganze Tag strukturiert sein wird.

Auch für Ihr Comeback hatten Sie einen klaren Plan im Kopf, ist der voll und ganz aufgegangen?

Es ist sogar schneller und besser gegangen, als es geplant war. Ich habe mit mehr Hürden gerechnet, auch von meinem Körper aus. Der hat aber nicht gemeckert, sondern sich super angepasst. Er ist noch nicht ganz auf demselben Niveau wie vor der Geburt. Aber viel weiter, als ich erwartet hatte.

Wenn man Ihnen im Oktober gesagt hätte, dass Sie im März wieder Champions League spielen, was hätten Sie geantwortet?

Wo ist der Stift? (lacht) Ich hätte es sofort unterschrieben!

Auf Instagram sah man zuletzt ihren Sohn im Kreise des Teams, er wirkt wie ein vollwertiges Mitglied.

Total, wobei ich ihn eigentlich nicht so oft mitnehmen will, weil er einen strukturierten Tag haben soll, vor allem mit Blick auf die derzeit nicht ganz so schlafreichen Nächte. Aber die Mädels wollen ihn unbedingt sehen, die können es immer kaum erwarten. Sie sagen: Sie sind neun Monate für mich gelaufen – jetzt soll ich den Kleinen bitte mitbringen. Das ist ein Team-Baby, ich soll nicht so egoistisch sein (lacht).

Haben Sie nie Gegenwind gespürt?

Aus dem Umfeld gar nicht. Jeder hat mich unterstützt. Erst heute hat unsere Trainerin Emma Hayes wieder gesagt: „Falls du das Gefühl hast, der Kleine soll mitkommen auf Auswärtsspiele, wäre das kein Problem. Er ist immer herzlich willkommen!“

Hayes sagte auch vor der Geburt: „Melanie wird stärker zurückkommen als vorher.“ Hat Sie recht?

Ob stärker, wird man noch sehen. Aber man kommt schon anders zurück. Da geht es vor allem ums Mentale, man geht dem Beruf anders nach als zuvor. Das ist eine andere Form der Stärke.

Gibt es das Gefühl der Zerrissenheit? Die Momente des Zweifels?

Ich würde lügen, wenn ich sage, es sei nicht manchmal sehr, sehr anstrengend. Vor allem die Reha mit dem Ziel, wieder fit zu werden, ist sehr zeitintensiv. Dazu wenig Schlaf und trotzdem der Anspruch, auf dem Platz alles geben zu wollen. Ich muss mich oft mal daran erinnern, dass ich mich auch um mich kümmern muss, dass ich Regeneration brauche, mich gut ernähren muss. Mit dem richtigen Umfeld ist es machbar, man muss aber offen für Hilfe sein. Ich habe auch einiges lernen müssen.

Zum Beispiel?

Dass ich den Kleinen auch abgeben muss. Wir haben eine tolle Nanny, deshalb komme ich in den meisten Momenten gut klar – innere Unruhe habe ich nur, wenn er Schmerzen hat, Zähne kriegt oder Fieber hat. Es ist wichtig für mich, ihn dann in sehr guten Händen zu wissen.

Ist Ihre Geschichte bisher einmalig in Ihrer Branche – ein Verein, der eine Schwangerschaft ernst nimmt und gemeinsam mit der Spielerin den besten Weg sucht?

In Europa auf jeden Fall. In den USA ist der Sport weiter, was dieses Thema betrifft. Bei uns merkt man, dass unsere Trainerin lange in den USA trainiert hat, sie hat da viel mitgenommen. Ihr Sohn ist auch noch im Kindergarten-Alter, sie weiß, was es bedeutet, in unserer Branche auf höchstem Niveau zu performen und gleichzeitig eine Familie zu haben. Wenn ich mit anderen Spielerinnen spreche, die Mütter sind, haben die doch anderes erlebt. Sie hatten viele Hürden zu meistern, nicht nur finanziell, sondern auch was Strukturen und Rahmenbedingungen betrifft. Das macht es unnötig schwer.

Leisten Sie gerade im Sinne der Branche Aufklärungsarbeit?

Sara Björk Gunnarsdottir, heute bei Juve, sagte mal: „Du kannst nur das sein, was du auch siehst, das möglich ist.“ Und jetzt gerade sehen viele Spielerinnen, was möglich ist. Eine Kollegin aus Everton ist gerade schwanger, auch ihr habe ich angeboten, dass sie mich immer fragen kann, wenn sie einen Rat braucht. Sie wird auch zu Chelsea kommen und sich mit den Physiotherapeutinnen austauschen. Wir müssen da zusammenhalten! Und die Informationen teilen, sodass sie für viele zugänglich sind.

Sehen Sie das Problem vor allem im Fußball?

Überhaupt nicht. Das Mindset muss sich in unserer Gesellschaft generell ändern. Mittlerweile wollen viel mehr Frauen Karriere machen – und auch sie brauchen als Mütter Unterstützung von der Firma. Dann können sie einen Mehrwert einbringen. Dafür muss man aber Wege schaffen.

Was hat Ihnen am meisten geholfen?

Unsere Beckenboden-Trainerin. Chelsea hat sie für mich organisiert, das war Gold wert! Alle zwei Wochen waren wir im Austausch mit der Physiotherapeutin, dazu haben wir die Expertin im Club konsultiert, die sich um unseren Zyklus kümmert. Ich wusste immer genau, was ich machen kann und was nicht. Wir waren da im engsten Austausch. Deswegen ist der Weg zurück leichtgefallen.

Kennen Sie Kolleginnen, die den Schritt nicht wagen – weil der Weg nicht überall so leicht ist?

Natürlich. Ich weiß, dass viele ein bisschen neidisch sind, die diese Unterstützung nicht hatten, sondern sich selber durchkämpfen mussten. Ich kenne auch viele, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, aber einfach Angst davor haben. Vor allem vor dem Druck, vor dummen Kommentaren wie „Hättest du nicht warten können?“ Aber auch davor, dass sie alleine gelassen werden, nicht mehr zurückkommen. Sie fühlen sich dann hilflos.

Ist das ein deutsches Problem?

Nein, das ist in allen Ligen zu sehen. Sara Björk Gunnarsdottir war ja bei Lyon, als ihr das Gehalt gestrichen wurde. Sie hat es eingeklagt und gewonnen, auch das war ein wichtiges Zeichen. Trotzdem ist das Thema noch in den Kinderschuhen. Auch in England gibt es da negative Beispiele. Chelsea ist einfach ein unheimliches Aushängeschild.

Sie sind Vorbild für viele andere. Haben auch Sie Vorbilder?

Ich habe Alex Morgan immer gerne beobachtet. Auch in der Art und Weise, wie sie mit ihrem Kind umgeht. Wie sie Profi-Athletin ist, aber die Kleine gut integrieren kann in ihren Alltag. Sie wirkt mir immer sehr glücklich. Sie wurde erst zuletzt wieder bei der Wahl zur Weltfußballerin aufgestellt – ihre Tochter ist noch nicht mal drei. Das sagt doch alles!

Bei der EM hätten Mütter ein ganzes Team stellen können. In Island waren gleich fünf Mütter im Team. Machen die das besser – oder ist das der Effekt, wenn eine anfängt?

(lacht) Das spielt mit rein. Aber eher in der Hinsicht, dass die Vereine und Verbände dann auch wissen, wie sie mit der Thematik umgehen sollen. In Deutschland ist es eher so, dass sie gerne helfen würden, aber gar nicht unbedingt wissen, wie. In Skandinavien ist man weiter.

Kann man den derzeitigen Boom des Frauenfußballs nutzen, um die Thematik zu beschleunigen?

Es steht und fällt mit der Einstellung der Verantwortlichen. Aber dass unser Sport gerade deutlich mehr wahrgenommen wird als noch vor wenigen Jahren, könnte schon helfen, um die richtigen Strukturen auch an dieser Stelle zu schaffen.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat Sie für die Spiele im April nominiert. Wie ist die Abmachung mit ihr?

Sie verfolgt meinen Weg, sieht, dass ich viele Spielminuten bekomme. Ich werde mich bald mit ihr austauschen, was Sinn macht für den Sommer und auch die WM. Eine Reise nach Australien wäre mit vielen Strapazen verbunden – aber es gibt nicht so viele Möglichkeiten, eine WM zu spielen. Mit der richtigen Organisation ist alles möglich. Wobei ich in diesem Fall den Kleinen mitnehmen würde – ans andere Ende der Welt.

Interview: Hanna Raif

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