Montevideo – In den vergangenen Tagen hat sich der hereinbrechende Herbst auch bei Robin Benzing bemerkbar gemacht. Eine Erkältung hat den 34-Jährigen zeitweilig empfindlich niedergestreckt. Aber die Dinge werden sich schnell fügen. Das muss auch so sein – immerhin geht der deutsche Basketball-Star mit seinen Kollegen von Penarol Montevideo gerade der besten Zeit des Jahres entgegen. Benzing und Kollegen steigen gegen den Vorrunden-Zweiten Maccabi Hebraica ins Playoff-Viertelfinale ein.
Und da könnte sich abrunden, was gerade für den früheren Bayern-Profi lange unglücklich verlief. Ganze fünf Spiele hatte er nach seinem Umzug im vergangenen November in seiner neuen Wahlheimat Uruguay absolviert, als der Meniskus in seinem Knie riss. Erst Anfang des Monats kehrte er aufs Feld zurück. Früh genug immerhin, um sein Team, das lange von einer 5-Spiele-Strafe aus dem Vorjahr gehandicapt war, noch irgendwie von den Abstiegsplätzen in die Playoffs zu bugsieren. Nun kann alles passieren, „auch dass wir Meister werden“.
Was dann doch die Krone auf Benzings bislang ungewöhnlichstem Engagement wäre. Nach Istanbul hat ihn der Sport zuletzt geführt, nach Saragossa und Bologna – feste Größen im Basketball. Und nun also Uruguay. Viel Neuland auch für ihn („Ich wusste nichts.“). Doch Benzing hat tiefe Freundschaft geschlossen mit der florierenden Nation, die die „Neue Zürcher Zeitung“ kürzlich als den „Streber Südamerikas“ bezeichnete.
„Es ist eigentlich gar nicht typisch südamerikanisch hier – eher europäisch“, sagte er, „aber man lebt schon sehr schön.“ Mit Frau und Tochter hat er ein Appartement im Herzen der schmucken Hauptstadt Montevideo, nur wenige Gehminuten vom Stadtstrand entfernt. Die eigene Wohnanlage verfügt über einen Pool.
Und wer weiß, vielleicht kam der Anruf aus der Ferne von Penarol-Trainer Pablo Lopez im vergangenen November für ihn ja auch gerade recht. Die Nicht-Berücksichtigung für die Nationalmannschaft bei der Heim-EM im vergangenen Sommer hat Benzing heftig getroffen. „Jeder weiß, wie viel mir die Nationalmannschaft bedeutet hat“, sagte er, „so weggeworfen zu werden, das saß schon sehr tief.“ Auch die alten Kollegen wussten das. Neu-Kapitän Dennis Schröder wollte seine Bronzemedaille nicht umsonst dem Vorgänger vermachen, „der sich so viele Jahre für die Mannschaft aufgeopfert hat“. Benzing muss lächeln, wenn er an diesen Vorstoß denkt. „Wer mich kennt, weiß, dass ich so eine Medaille nicht nehmen würde, weil ich sie nicht gewonnen habe.“ Aber die Zeit hat auch diese Wunden vielleicht nicht unbedingt geheilt, aber doch zumindest erträglicher gemacht. Und auch so manch trüben Gedanken verfliegen lassen.
Das Leben im eher anarchischen uruguayischen Basketball, den Benzing auf „unteres Bundesliganiveau“ taxiert, hat ihm gezeigt, „dass ich noch viel Basketball in mir habe“. Der 2,10-Meter-Riese will es weitergeben, will Hand in Hand mit DBB-Nachwuchskoordinator Dirk Bauermann mit seinen Erfahrungen zukünftig gezielt jungen Spielern helfen. Das klingt eigentlich schon stark nach einer Aufgabe für das Leben danach.
Aber das täuscht. Benzing will noch selbst auf dem Feld stehen, will spielen. Am liebsten wieder in Europa – gerade der Familie wegen, Benzings Tochter soll im Herbst eingeschult werden. Vielleicht im heimatlichen Deutschland, vielleicht aber auch in Spanien, der heimlichen Liebe der Benzings. Sprachlich immerhin hätte er dort kein Problem zu erwarten. Sein Spanisch poliert er gerade mächtig auf. PATRICK REICHELT