„Wir platzen aus allen Nähten“

von Redaktion

Die Boxlöwen brauchen eine neue Heimat – Ali Cukur schwebt schon ein Konzept vor

VON NICO-MARIUS SCHMITZ

München – Tennisbälle fliegen durch die Luft, Köpfe weichen Schlägen aus. Ein improvisierter Boxring auf Holzpaletten, davor schwitzen 20 Jugendliche auf rund 25 Quadratmetern. In der Mitte steht Rashad Pekpassi und gibt die Anweisungen für die nächsten Übungen. „Wir holen die Jungs von der Straße“, sagt Pekpassi: „Sie fühlen sich hier zu Hause, das ist ihre Heimat.“ Doch die Heimat quillt über – und zuweilen riecht sie streng. Oder anders gesagt: Der kleine „Boxerraum“ erfüllt die Ansprüche des Konzepts der Boxabteilung vom TSV 1860 München e.V. schon lange nicht mehr. „Wir haben schon Kündigungen bekommen mit der Begründung: Für mich steht im Training nicht mal ein Quadratmeter zur Verfügung“, sagt Abteilungsleiter Ali Cukur: „Bei uns soll sich jeder wohlfühlen, ich möchte niemanden wegschicken. Aber: Wir platzen aus allen Nähten.“

1998 übernahm Cukur das Kommando bei den Boxlöwen, damals gab es 50 Mitglieder. Heute sind es 550. Der TSV 1860 München e.V. zählt zu den erfolgreichsten Boxabteilungen in Deutschland, stellt aktuell drei deutsche Meister. Doch der Leistungssport steht hier nicht im Vordergrund. Jugendliche, die sich auf der Straße verloren fühlen, will Cukur für das Boxen begeistern. „Jugendliche werden nicht kriminell, weil es ihnen im Blut liegt“, sagt er: „Oft brauchen sie einfach Wertschätzung, die sie sich dann von den falschen Leuten mit falschen Aktionen holen.“ Beim Boxen können die Nachwuchssportler nach jeder Bewegung Bestätigung bekommen. Ein „Gut gemacht“, wenn die Ellenbogen eng am Körper sind. Kleine Komplimente, die viel bewirken können.

Cukur ist Anti-Gewalt- und Ressourcentrainer sowie therapeutischer Boxcoach. „So etwas gibt es tatsächlich“, sagt der Münchner lachend, „ich habe ein Zertifikat dafür.“ Cukur arbeitet auch mit traumatisierten Jugendlichen aus Afghanistan zusammen. Einer von ihnen ist Zobair Hamidi, mittlerweile Deutscher Meister.

Die Erfolgsgeschichten brauchen eine neue Heimat. „In der Auenstraße heißt es seit 15 Jahren: Dieses Jahr ist wirklich Schluss. Dort ist alles im Verfall. Es kann sein, dass es morgen schon heißt, dass wir unsere Boxsäcke abhängen und raus müssen“, sagt Cukur. An Stoßtagen trainieren zwischen 150 bis 200 Löwenboxer an der Auenstraße. Cukur schwebt schon längere Zeit ein Konzept für eine neue Halle vor, ungefähr 400 Quadratmeter müsste sie groß sein und soll von morgens zehn bis abends um 22 Uhr geöffnet sein: „Alle Münchner können dort rein, die mal in den Boxsport reinschnuppern wollen.“ Zudem sollen in der Löwen-Heimat Wettkämpfe ausgetragen, Workshops angeboten und therapeutische Boxtrainer ausgebildet werden.

Cukur erzählt, wie er eines Nachts von einem Türsteher angerufen wurde. Einer seiner Boxer sorgte damals vor einem Club für Ärger. „Ich bin aus dem Bett gesprungen und hingefahren. Auch für solche Fälle wollen wir eine Anlaufstelle bieten, die den ganzen Tag zugänglich ist. Boxen ist nicht einfach nur Schlagen, sondern vor allem auch das Vermeiden von Schlägen“, sagt der 62-Jährige. Mit der Stadt sei man im Gespräch, eine freie Fläche kann aber natürlich nicht hergezaubert werden. Cukur hofft nun auf die Hilfe von Maklern, Hausverwaltungen und Sponsoren. Für den großen Traum einer eigenen Halle.

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