Endspurt der Weltumseglung

von Redaktion

Boris Hermann und seine Crew hoffen auf Wind – noch haben sie Siegchancen

VON JOHANNES OHR

München – Nur nicht blinzeln… 83 Tage nach dem Startschuss im spanischen Alicante hat sich das Ocean Race zu einem echten Krimi entwickelt. Im Endspurt der dritten Etappe von Kapstadt (Südafrika) nach Itajai (Brasilien) liefert sich das Team Malizia um Segelstar Boris Herrmann ein packendes Kopf-an-Kopf-Rennen mit Team Holcim. „Nur zur Kontrolle: Dürfen wir Bananenschalen werfen?“, schrieb der Skipper mit einem Augenzwinkern bei Twitter – und postete dazu ein Bild der Jacht der Holcim-PRB in unmittelbarer Nähe.

Auf der Zielgeraden sieht es aber nicht danach aus, dass sich Holcim einen Ausrutscher leistet – am Freitagmorgen schob sich das Team an Herrmann vorbei. „Das ist so verrückt nach 12 000 Seemeilen“, sagte seine Co-Skipperin Rosalin Kuiper, die derzeit wegen einer Gehirnerschütterung ausfällt, über die spannende Entscheidung. Auf der Königsetappe war die Malizia zuvor mit repariertem Mastschaden bei hohem Tempo durch das Südpolarmeer gepflügt, krönte ihre Aufholjagd mit der Umrundung des Kaap Hoorn als Spitzenreiterin.

Die Idee des Hamburgers hatte sich nach langem Warten bewährt. Herrmann hat sein Boot für die starken Winde im Südmeer gebaut. Allerdings bezahlt die Malizia diese Konstruktion mit Nachteilen bei schwächeren Winden. Da kommen die leichteren Rivalinnen wie die Holcim oft flotter voran. Klar, dass der 41-Jährige jetzt auf Bedingungen setzt, die den Eigenschaften seiner Jacht entgegenkommen: „Das Hochdruckgebiet wird verschwinden. Ein Tiefdruckgebiet kommt von Land. Da rechnen wir mit recht viel Wind. Wir hoffen, dass wir da wieder einen Vorsprung gewinnen können.“

Aber hat Hermann wirklich noch eine Chance auf den Etappensieg? „Es ist noch alles drin,“ sagt Jochen Rieker, Herausgeber der Fachzeitschrift „Yacht“ und aktuell vor Ort in Brasilien, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Boris hat noch 24 bis 30 Stunden Starkwind. Da ist sein Boot im Zweifel überlegen. Holcim kann das aber natürlich auch.“ Rieker rechnet mit einem Herzschlagfinale. „Ich glaube, Boris und seine Crew haben eine Chance. Riesig ist der Vorteil nicht, aber sie können mit mehr Zuversicht das allerletzte aus der Maschine rausholen. Sie sind alle wie im Fieber und wollen die Früchte für ihre harte Arbeit jetzt ernten. Es wird ein Thriller.“

Vermutlich werden Herrmann & Co. am Sonntag oder Montag im Ziel einlaufen. Ob er als Erster oder Zweiter ist zwar noch offen. Eines steht aber schon fest: Herrmann hat in Deutschland einen regelrechten Segel-Boom ausgelöst. „Was mich wirklich freut, ist, dass er es wieder geschafft hat, die Leute zu fesseln und mitzunehmen. Das ist eine Qualität, die in dieser Ausprägung sonst kein Team hat“, schwärmt Rieker. „Deutschland ist komplett im Boris Herrmann-Fieber. Etwa 50 Prozent des gesamten Traffics auf der Homepage des Ocean Race kommt aus Deutschland. Das ist schon klasse.“

Ein Grund für die Begeisterung sei auch die Aufholjagd nach der spektakulären Reparatur des gebrochenen Masts auf hoher See. „Dass die Malizia jetzt wirklich um den Etappensieg mitsegeln kann, hat ja gar keiner erhoffen können. Das ist ein kleines Märchen – und der Hochsee-Segelsport ist voll von solchen Geschichten“, sagt Rieker. „Ich glaube, das ist der Reiz an der Geschichte. Die Leute daheim am Tracker spüren, dass da etwas Magisches passieren kann.“

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