Bloß nicht zu früh abheben

von Redaktion

Spitzenreiter: Bayerns Neuanfang gelingt, aber Tuchel will „keine Euphorie“

VON HANNA RAIF UND MANUEL BONKE

München – Herbert Hainer war am Samstagabend der erste Protagonist des FC Bayern, der aus dem Kabinentrakt gelaufen kam, und der Präsident hatte ein breites Grinsen im Gesicht. Klar freue er sich, ließ der 68-Jährige verlauten, denn das, was er auf dem Rasen gesehen hatte, wäre ja ein „überzeugender Sieg“ gewesen. In der Tat, dieses 4:2 (3:0), das am Ende des mit Spannung erwarteten Liga-Gipfels gegen Borussia Dortmund stand und den Sprung zurück an die Tabellenspitze ermöglichte, konnte als gelungener Einstand für den neuen Trainer Thomas Tuchel gedeutet werden und die Gesamtlage beim Rekordmeister deutlich beruhigen. Und dennoch sah man den Heimweg aus der Allianz Arena niemanden in ähnlicher Laune wie Hainer antreten. Der Rest war sichtlich bemüht, bloß nicht abzuheben.

„Es ist ganz gut, dass niemand zu euphorisch ist“, sagte Tuchel nach seinem Premierensieg, obwohl der deutlich mehr wert war als die bloßen drei Punkte im Kampf um die Meisterschaft. Doppeltorschütze Thomas Müller sprach von einem „Statement, dass man gesehen hat: Wenn die Bayern müssen, dann können sie.“ Eine „Signalwirkung“ aber wollte auch der Kapitän der Partie (noch) nicht zuschreiben. Was der Erfolg wert sei, werde sich erst „in den kommenden Wochen zeigen“, also: in den acht Spielen, die es bis zum anvisierten elften Meistertitel hintereinander noch zu absolvieren gibt. Aktuell sei die Lage an der Säbener Straße „heiter bis bewölkt“, führte Tausendsassa Müller aus – und sprach den wichtigen Nachsatz: „Und wir haben es in der eigenen Hand.“

Nicht mehr und nicht weniger war an diesem Tag, dem Start in die erhoffte Ära Tuchel, erwartet worden. Es gelang phasenweise bravourös, etwa als Müller (18./23.) nach dem unglücklichen Eigentor von BVB-Keeper Gregor Kobel (13.) gleich für klare Verhältnisse sorgte und Kingsley Coman die Dortmunder Hoffnung auf eine Aufholjagd nach der Halbzeit schnell mit dem 4:0 im Keim erstickte (50.). Es gelang aber in Phasen von „einfachen Ballverlusten“ (Tuchel), „vergebenen Großchancen“ (Hainer) und „fehlender Kontrolle“ (Joshua Kimmich) auch zeitweise weniger gut und wurde mit Gegentoren von Emre Can (72.) und Donyell Malen (90.) bestraft. Tuchel sagte treffend: „Es gibt noch etwas zu tun.“ Und Clubboss Oliver Kahn mahnte mit Blick auf das Programm – Doppelpack im DFB-Pokal und der Liga gegen Freiburg, Duell mit Manchester City in der Champions League – gar: „Jedes Spiel ist jetzt im Grunde ein Endspiel für uns.“

Man merkte, dass die Bayern-Sinne aus den vergangenen Wochen geschärft sind, in denen man zehn Punkte auf den BVB verloren hatte und Julian Nagelsmann angreifbar wurde. „Wir mussten einiges geraderücken“, sagte Leon Goretzka, Müller gab zu: „Die letzte Zeit war auch für uns Spieler speziell.“ Man sei sich bewusst, dass „ein Trainerwechsel „auch auf unsere Kappe geht“, sagte Kimmich, den Sieg widmeten einige Führungsspieler daher Nagelsmann. Sogar Nachfolger Tuchel sagte: „Wir versuchen, es auch für Julian gut zu Ende zu machen.“

Darauf, dass der Neustart geglückt ist, dürfen die Spieler „stolz“ sein, sagte Kahn: „Das war eine Top-Leistung unter schwierigen Bedingungen.“ Tuchel jedoch sprach aus gutem Grund von nur „einem Schritt auf dem Weg in Richtung Meisterschaft“. Der 49-Jährige weiß, wie das Geschäft läuft. Und auch wenn „das Potenzial, die Wucht und die Qualität des Kaders“ den Neuen positiv stimmen, ist er gut beraten, die Euphorie-Bremse erst nach und nach zu lösen.

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