Vom Sorgenkind zum Senkrechtstarter

von Redaktion

Sané lässt gegen den BVB sein Potenzial aufblitzen – Tuchel stellt klar: „Es liegt jetzt an ihm, die Weichen zu stellen“

VON HANNA RAIF UND MANUEL BONKE

München – Am heutigen Montag, um 13.30 Uhr, bittet Thomas Tuchel zur nächsten Pressekonferenz. In Englischen Wochen geht es für den FC Bayern – und seinen Trainer – traditionell Schlag auf Schlag, der Blick nach dem 4:2 zum Einstand gegen Borussia Dortmund richtet sich auf das Pokal-Viertelfinale am Dienstag gegen den SC Freiburg. Und auch wenn es für den 49 Jahre alten Nachfolger von Julian Nagelsmann erst der vierte Auftritt auf dem offiziellen Podium des FC Bayern sein wird, hat er schon bemerkt, dass es Dinge gibt, die jedes Mal auf der Agenda stehen. In Tuchels Fall ist das: Leroy Sané.

„Ich bin erstaunt, es geht extrem viel um Leroy“, sagte der Coach am Samstagabend, als er – na klar! – auf eines der größten Sorgenkinder in jenem Luxuskader angesprochen wurde, den ihm sein neuer Arbeitgeber da zur Verfügung gestellt hat. Demonstrativ, führte Tuchel aus, wolle er seinen so häufig in der Kritik stehenden Schützling da „in Schutz nehmen. Es ist nicht angemessen, in jeder Pressekonferenz über Leroy zu sprechen.“ Natürlich ist sich aber auch der neue Mann darüber bewusst, dass es an der Inkonstanz des Nationalspielers liegt, wie häufig unter- oder überdurchschnittliche Leistungen – wie gegen Dortmund – zum Thema werden. Weil es dem 27-Jährigen unter Nagelsmann nicht gelang, sein Potenzial auszuschöpfen, ist Tuchel nun mit dieser Aufgabe betraut worden. Er gab dem sogenannten Wohlfühl-Profi in seinen ersten Tagen an der Säbener Straße einen öffentlichkeitswirksamen Tritt in den Hintern und bat ihn auch hinter den Kulissen zu mehreren Einzelgesprächen. Das Ergebnis war gegen den BVB recht eindrucksvoll anzusehen.

„Leroy hat ein gutes Spiel gemacht“, sagte Hasan Salihamidzic, Herbert Hainer ging noch einen Schritt weiter, als er ausführte: „Leroy ist ja ein exzellenter Fußballer, einer der besten in Europa, wenn er das, was er kann, auf den Platz kriegt.“ Im Topspiel war ihm das gelungen, obwohl er von Tuchel auf die eigentlich ungeliebte rechte Seite beordert worden war. Trotzdem harmonierte die Offensivreihe um die Torschützen Coman und Müller prächtig. Sané war zwar selbst kein Treffer gegönnt, er war aber drei Mal beteiligt, als der Ball im Netz zappelte. Als Gregor Kobel („Keine Ahnung, wie der Ball da durchgerutscht ist. Schöne Scheiße, das muss man einfach so sagen“) der folgenschwere Patzer unterlief, der schon in der 13. Minute spielentscheidenden Charakter hatte, war er vom heraneilenden Sané irritiert worden; als Kobel den Ball vor dem 3:0 nach vorne abwehrte und Müller zur Stelle war, hatte Sané geschossen; und als Coman nach einem sehenswerten Angriff das 4:0 gelang, kam der Pass von Sané.

Tuchel sprach von „Licht und Schatten“, hatte aber „viele gute Aktionen gesehen, auf denen wir aufbauen können“. Der Trainer verfolgt einen klaren Plan im Umgang mit den Stars – und schob nicht ohne Hintergedanken hinterher: „Leroy ist in einem Alter, in dem sich die Weichen gnadenlos stellen. Es liegt hauptsächlich an ihm, das komplett auszuschöpfen.“ Es passt natürlich, dass Salihamidzic angeblich weiß, „welche Stellschrauben bei Leroy noch gedreht werden müssen“.

Sané hatte das Glück, zu den elf Auserwählten in der von Tuchel angekündigten „unfairen Aufstellung“ zu gehören. Und er lieferte beste Argumente, den Platz auch in den kommenden wegweisenden Partien nicht räumen zu müssen. Dass von der Bank namhafte Kollegen wie (der angeschlagene) Jamal Musiala und Sadio Mané kamen, hat er jedoch freilich registriert. Sogenannte „Härtefälle“ waren am Samstag noch kein Thema. Aber nach der Pressekonferenz ist ja bekanntlich vor der Pressekonferenz.

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