Eritrea, Traunstein – und Paris?

von Redaktion

Marathoni Filimon Abraham will zu Olympia 2024 – hinter sich hat er Training und eine Flucht

VON THOMAS JENSEN

München – Diese zwölf Sekunden „ärgern“ ihn schon noch, sagt Filimon Abraham. Verständlich, auch wenn der Marathon in Barcelona schon etwas her ist. Dort wurde er zum zweitschnellsten deutschen Marathoni aller Zeiten hinter Amanal Petros. Doch wäre der Traunsteiner die 42 195 Meter am 19. März statt in zwei Stunden, acht Minuten und 22 Sekunden in 2:08:10 gelaufen, hätte er sich damit für die Olympischen Spiele in Paris 2024 qualifiziert.

Sich über Sekunden ärgern, gehört beim Sport dazu. Und das Laufen war stets sein „Kindheitstraum“, erzählt er unserer Zeitung. Um es auf diesem Niveau zu können, legte er einen Weg zurück, der nicht vergleichbar mit einem Marathon ist und der auch nicht in Sekunden gemessen wird. 2014 flüchtete der damals 22-Jährige aus Eritrea. Durch den Sudan, durch Lybien und über das Mittelmeer dauerte es Monate, bis er in Deutschland ankam. Erst in München und schließlich in Traunstein.

„Unvorstellbar“, sagt Abraham, wenn er nun an die letzten Jahre denkt: „Eingebürgert zu sein und für Deutschland zu starten, ist immer noch unvorstellbar.“ Dass eine Sportkarriere in seiner neuen Heimat möglich sei, daran dachte er zunächst nicht, erinnert er sich: „Ich hatte das Laufen überhaupt nicht im Kopf. Ich wusste gar nicht, ob das funktionieren kann. Mir ging es erstmal darum, arbeiten zu können.“ Nach acht Monaten habe er die fremde Sprache gut genug gekonnt, um eine Lehre angeboten zu bekommen, sagt Abraham – er arbeitete allerdings noch ein Jahr weiter in anderen Jobs und machte dann eine Ausbildung zum Schreiner.

Gearbeitet hat er auch in Eritrea: „Jeden Tag nach der Schule.“ Trainieren konnte er in seiner Jugend daher nicht, erst mit 18 habe er angefangen. Bildung ist in dem ostafrikanischen Land nicht selbstverständlich. Beinahe ein Drittel der Kinder in der Diktatur besucht nach den Angaben humanitärer Organisationen keine Schule. Zudem ist das Land geprägt durch den sogenannten „National service“ für junge Erwachsene. Amnesty International beschreibt diesen als „unbefristete Zwangsarbeit“ – offiziell 18 Monate lang und zu verrichten im Militär, der Landwirtschaft oder öffentlichen Dienst. In der Realität werden die Menschen jedoch teilweise über 10 Jahre und länger verpflichtet, bei ungenügendem Lohn. Berichte über weitere schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen gibt es zahlreiche.

Trotz des Kontrasts: Es gibt etwas in Abrahams neuer Heimat, das ihn an Eritrea erinnert: Die Landschaft. „Der Chiemgau ist auch hügelig, mit Bergen in der Nähe. Deshalb habe ich mich wie gesagt gleich wohlgefühlt und war schnell integriert.“ Das „wie gesagt“ verwendet der 30-Jährige in dem Gespräch ein paarmal – und spricht es dabei so aus: „Wie gsagt.“ Zum Bairisch meint er lachend: „Ich verstehe es schon. Aber es ist ein Unterschied, ob es in Traunstein ist, oder in einem kleinen Ort in der Nähe, da ist es oft schwerer.“

Leichter war es dagegen, die Berge kennenzulernen. Während seiner Schreinerkarriere startete er zunächst in Bergläufen durch. Warum? „Ich habe, als ich Vollzeit gearbeitet habe, 80 oder 90 Kilometer in der Woche geschafft. Für Berglaufen hat das gereicht, Marathon wäre unmöglich gewesen.“ Inzwischen laufe er über 200 Kilometer in der Woche, während er noch etwa 20 Stunden in einem Lampen-Betrieb arbeitet. Zu kurz kommen die Berge aber nicht: „Oft wandere ich sonntags, wenn ich nach einem langen Lauf noch Zeit dafür habe.“ Die Natur lasse sich beim Wandern besser genießen, führt er aus, anders als beim Berglauf. Dort gewann er einige Trophäen, die seine selbstgeschreinerte Pokalvitrine füllen. Sie war das Gesellenstück, das er zum Ende seiner Lehre fertigte und zeigt: Auch wenn der Sport zu Beginn seiner Zeit in Deutschland nicht im Vordergrund stand, hat er den Traum nie aufgegeben.

Inzwischen passt Traum wohl nicht mehr als Bezeichnung für seine Vorhaben. Besser: Ziele. „Ich möchte bald Profi sein“, sagt Abraham und hängt an: „Nicht um viel Geld zu verdienen, sondern mich komplett auf den Sport und meinen Körper zu konzentrieren. Ich möchte so gut wie möglich in meiner Leidenschaft sein.“

Unterstützung bekommt er dabei von der LG Telis finanz Regensburg, für die er läuft, obwohl er weiter in Traunstein lebt. Dieser Support sei finanziell und organisatorisch zum Beispiel bei Trainingslagern, erläutert Abraham. Dass es im Sport nicht nur bergauf geht, hat er schon erlebt. Etwa bei seinen ersten zwei Marathons 2022 – die er wegen muskulärer Probleme und eines Infekts nicht beenden konnte.

Bei den European Championships in München 2022 blieb ihm zwar der Abbruch erspart. Trotzdem bezeichnet er den Lauf über die 10 000 Meter als sein bisher„schwierigstes Rennen“. In der Nacht vor seinem Auftritt im Olympiastadion bekam er Magenprobleme und Fieber. „Nach der zweiten Runde war es so schmerzhaft“, erinnert er sich an den Wettbewerb, den er als 19. beendete: „Aber ich wollte nicht aufgeben.“ Die Enttäuschung danach habe ein paar Tage angedauert, erzählt er weiter: „Wenn es wo anders gewesen wäre, wäre es nicht ganz so schlimm gewesen. Aber in München war es vor meinem Publikum, viele sind wegen mir gekommen und ich hatte das Deutschland-Trikot an.“

Über den Sommer probiere er es nun wieder über die kürzen Strecken, um an seiner Schnelligkeit zu arbeiten, verrät er, bevor es im Herbst mit dem Marathon weitergeht. Bei einer City Strecke soll es dann klappen mit der Olympia-Quali. Abraham ist optimistisch, dass es funktioniert – mit der größten Sportbühne der Welt und seinem Profi-Plan: „Ich muss dranbleiben und hart arbeiten. Es gibt noch Hürden. Aber ich glaube, die schwersten liegen in der Vergangenheit.“ Mit zwölf fehlenden Sekunden sind diese vergangenen Hürden, die er meint, jedenfalls nicht zu vergleichen.

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