Posse ums Zillertal

Jetzt ist’s auch gut!

von Redaktion

HANNA RAIF

Über das Zillertal haben auch die Menschen, die mit Skifahren wenig am Hut haben, in den vergangenen Tagen viel gelernt. 140 Kilometer nur ist die idyllische Landschaft von München entfernt, in eindreiviertel Stunden ist man da. Noch besser: Für all diejenigen, die von der Säbener Straße starten, reichen 90 Minuten Autofahrt in Richtung Süden. Dass nicht hinlänglich geklärt ist, ob ein Ausflug dieser Art per Definition als Urlaub gilt oder nicht, tut wenig zur Sache, weil das beim FC Bayern (Uli Hoeneß: „Ein Cheftrainer muss doch wegen eines Urlaubs nicht anfragen“) ja sowieso zweitrangig zu sein scheint. Nachzuforschen wäre jetzt halt noch die Sache mit dem Handynetz. Edge, 3G, LTE, 5G? Ist es möglich, dass man in Kaltenbach „temporarily not available“ ist?

Zugegeben, all das, was seit nunmehr zwei Wochen rund um die Blitz-Entlassung von Julian Nagelsmann passiert ist, hat durchaus Unterhaltungswert. Es geht um geleakte Informationen zur falschen Zeit, Maulwürfe und solche, die es sein wollen. Es geht um Anrufwege, Nachrichteneingänge und Chatprotokolle. Und vor allem geht es um die Rekonstruktion der zeitlichen Abläufe an einem Abend, an dem alles aus dem Ruder lief. Im Kosmos des FC Bayern gibt es bestimmt noch ein, zwei, drei Protagonisten, deren Meinung aussteht – es kann also gut sein, dass da noch was kommt. Trotzdem sollte ein Bilanzstrich unter die Posse erlaubt sein, die sich selbst die Nachbarn von der Grünwalder Straße nicht besser hätten ausdenken können. Das Ergebnis darf als Aufforderung verstanden werden. Es lautet: Gut jetzt!

Addiert man alle Informationen, die auf dem Tisch liegen oder sich hinter vorgehaltener Hand erzählt werden, darf man die Wahrheit irgendwo in der Mitte verorten – und feststellen, dass kein Beteiligter eine richtig glückliche Figur abgegeben hat. Der angezählte Nagelsmann nicht, der (siehe oben) 140 Kilometer über die A8 gurkte, um sich eine Auszeit zu gönnen; die Bayern-Bosse nicht, die die Kritik an ihrem Führungsstil nicht nur mit stichhaltigen Argumenten konterten (keine Entlassung am Telefon und vor Einigung mit Thomas Tuchel); und freilich auch Lothar Matthäus nicht, der zwar für den Kern seines Rundumschlags auch Zuspruch fand, aber keine Beweise für seine erst gewagten und dann angeblich nie geäußerten Worte („Kahn lügt!“) lieferte.

Wenn jeder für sich daraus seine Lehren fürs nächste Mal zieht, wäre allen geholfen. Auch Thomas Tuchel übrigens, der mehr Ruhe für seine Arbeit hätte – und für die Zukunft weiß: Das Reizgebiet Zillertal lieber meiden!

Hanna.Raif@ovb.net

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