Anspruch und Wirklichkeit liegen beim FC Bayern aktuell weit auseinander. So weit, wie schon lange nicht mehr – zumindest auf nationaler Ebene. Das Pokal-Aus gegen den SC Freiburg lässt freilich auch an einem erfolgreichen Abschneiden in der Champions League gegen Manchester City zweifeln. Aber woran liegt’s, dass der Großteil der Bundesliga-Vereine – Borussia Dortmund ausgeklammert – die Ehrfurcht vor dem deutschen Rekordmeister verloren hatn? Ganz klar: Abgesehen von Joshua Kimmich und Thomas Müller fehlt ein Kollektiv an Leadern, die ihren Führungsanspruch auch als Typen auf dem Platz vorleben. „Zu wenig Leidenschaft, zu wenig Emotion“, wie es Kimmich am Dienstag in den Katakomben der Allianz Arena formulierte.
Leon Goretzka ist ein Paradebeispiel für diese Problematik. Mit seinen fußballerischen Fähigkeiten und seinem massiven Körper ist der Mittelfeldspieler eigentlich der ideale Anführer und sieht sich auch selbst gerne in dieser Rolle. Doch mit konstant guten Leistungen geht der Nationalspieler in dieser Saison nicht voran, wie auch ein Blick in seine Statistik-Werte gegen die Freiburger beweist: Demnach konnte Goretzka nur einen direkten Zweikampf gewinnen und hatte lediglich 41 Ballkontakte. Nur Torhüter Yann Sommer hatte weniger (30). Zum Vergleich: Nebenmann Kimmich war 99 Mal am Ball. Nach dem Spiel duckte sich Goretzka mit schwammigen Formulierungen auch verbal weg („Die Niederlage ist schwierig zu greifen. Das kann sich jeder vorstellen. Es ist eine bittere Pille, die wir zu schlucken haben“), während Kimmich einmal mehr den Klartext-Modus wählte: „Am Ende des Tages kotzt mich das brutal an, je mehr Titel wir verspielen, jetzt haben wir schon wieder einen, den wir in der Saison nicht gewinnen können.“
Kimmich bekam die Titelgier mit seinem Wechsel nach München eingeimpft, Müller ist damit quasi aufgewachsen. Vermeintlich feinere Fußballer wie Serge Gnabry, Leroy Sané, Jamal Musiala oder Sadio Mané sorgen zwar häufig für die Wow-Momente auf dem Platz, doch der letzte Wille scheint in schwierigen Situationen zu fehlen. Ist der Kader des FC Bayern mit zu vielen Schöngeistern und zu wenigen Mentalitätsmonstern bestückt? Diese Frage muss Trainer Thomas Tuchel in den nächsten Wochen für sich beantworten – und im kommenden Transfer-Sommer die richtigen Schlüsse daraus ziehen.
Manuel.Bonke@ovb.net