München – Joshua Kimmich stand mal wieder seinen Mann. Die Szenerie hatte durchaus Parallelen zum Vorrunden-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Katar. Damals ließ der Mittelfeldspieler mit Aussagen über seinen psychischen Zustand aufhorchen („Ich habe Angst, in ein Loch zu fallen“). Diesmal musste Kimmich das Ausscheiden im DFB-Pokal gegen den SC Freiburg erklären und wählte ebenfalls Worte, die noch lange nachhallen werden: „Am Ende des Tages kotzt mich das einfach brutal an, je mehr Titel wir verspielen! Jetzt haben wir wieder einen, den wir diese Saison nicht gewinnen werden. Wir scheiden aus, obwohl es heute nicht nötig gewesen wäre.“ Unpassend passend hielt er seine Klartext-Rede vor jener Wand in den Arena-Katakomben, die die Werte und das Selbstverständnis des FC Bayern mit Schlagworten umschreibt. Eines davon, in dicken Lettern gedruckt, lautet: Leidenschaft.
Das 1:2 sei natürlich nicht das beste Spiel der Münchner gewesen, trotzdem habe man das Spiel kontrolliert und sei die bessere Mannschaft gewesen: „Freiburg hatte gar nix, sie hatten nur den Fernschuss und in der 95. Minute den Elfmeter.“ Für Kimmich sei es schwierig zu erklären, wie man wieder Leidenschaft und Emotionalität in das Spiel des deutschen Rekordmeistes bekomme, aber „am Ende des Tages scheint es uns nicht zu motivieren, wenn wir Titel verspielen“.
Es wäre interessant gewesen, was im Kopf des Führungsspielers vorging, als er in der Kabine in die langen Gesichter seiner Mitspieler blickte. Auf Nachfrage, ob sich seine Teamkollegen über den verzockten Titel weniger ärgern würden als er, antwortete der Mittelfeldregisseur im Rahmen seiner Möglichkeiten diplomatisch: In andere Köpfe könne man nicht reingucken. „Natürlich ist die Enttäuschung groß – hoffe ich, sehe ich“, sagte Kimmich und gestand: „Letztendlich habe ich aber auch viel mit mir selber zu kämpfen, dass ich nicht komplett durchdrehe und die Fassung verliere. Weil so ein Tag wie heute, der tut schon weh.“ Dabei haben die Verantwortlichen um CEO Oliver Kahn und Sportvorstand Hasan Salihamidzic alle Möglichkeiten ausgeschöpft und Julian Nagelsmann als Trainer entlassen, um nach dem blutleeren Auftritt in Leverkusen wieder mehr Emotionalität in die Mannschaft zu bekommen. Vergeudete Mühen?
Auch Kimmich habe sich durch die Amtsübernahme von Thomas Tuchel eine „gewisse Trotzreaktion erhofft. Aber da spreche ich nicht von technisch-taktischen Dingen, sondern vom Emotionalen, und das müssen wir schleunigst wieder auf den Platz bringen.“ Schon am Samstag können die Bayern sich darin versuchen, wenn sie in der Bundesliga erneut auf den SC Freiburg treffen. Angesichts des engen Titel-Rennens darf sich das Tuchel-Team keinen Ausrutscher leisten. Das gilt auch für kommenden Dienstag im Viertelfinal-Hinspiel in der Champions League bei Manchester City. Um gegen die Mannschaft von Pep Guardiola nicht unter die Räder zu kommen, gibt Kimmich schon mal die Marschrichtung vor: „Wir müssen diese Wut, Säuernis, Leidenschaft und Wille wieder auf dem Platz umsetzen.“
Sollte die Leidenschaft in den nächsten zwei Spielen erneut fehlen, geht es um mehr als Werte. Dann nämlich müsste ernsthaft an der Kader-Struktur des Rekordmeisters gezweifelt werden.