Titelkrampf statt Titelkampf

von Redaktion

Geplatzter Triple-Traum für Bayern schwer zu verdauen – Tuchel gefordert

VON HANNA RAIF UND MANUEL BONKE

München – Der Schlusspfiff war zwei Stunden vorbei, der Stachel saß tief, aber Thomas Tuchel tat in der Nacht zum Mittwoch trotzdem, was die Fans von ihm verlangten. 0.33 zeigte die Uhr, als der Trainer des FC Bayern noch vor der Allianz Arena stand und Autogramme schrieb. Der Auftritt passte zum Gesamteindruck, den der 49-Jährige nach dem 1:2 (1:1) gegen den SC Freiburg und dem damit verbundenen Aus im Pokal-Viertelfinale hinterlassen hatte. Ja, auch der Chefcoach war enttäuscht, dass der Triple-Traum schon in seinem zweiten Spiel an der Seitenlinie geplatzt ist. Aber er gab sich als fairer Verlierer – und blickte nach vorne.

„Wir sind selber schuld. Das wird uns eine Weile beschäftigen“, sagte Tuchel nach dem Last-Minute-K.o. gegen den Underdog aus dem Breisgau, der die Bayern im 24. Anlauf das erste Mal in München bezwungen hatte. Obwohl er die Basecap tief ins Gesicht gezogen hatte und die Enttäuschung aus seiner Stimme klang, behielt er an diesem „bitteren Abend“ die Fassung. Er fügte bedacht hinzu: „Wir müssen das verdauen und unsere Lehren daraus ziehen.“ Nicht wenige dachten in diesen Momenten mal kurz an Julian Nagelsmann und dessen mögliche Reaktion auf eine Niederlage wie diese. Hätte Tuchels Vorgänger Worte gewählt wie „es gehört für uns heute dazu, zu gratulieren und das zu akzeptieren.“?

Dafür, diese Antwort nicht mehr geben zu müssen, hatten die Bayern-Bosse mit dem Blitz-Trainerwechsel vor zwei Wochen gesorgt. Der erste Rückschlag unter Tuchel war für die Beteiligten allerdings genau deshalb schwer zu greifen. Irgendwo zwischen Wut, Enttäuschung und Ratlosigkeit pendelte sich die Gemütslage in der Kabine ein, die etwa Leroy Sané schnaubend mit den Worten „Was für eine Riesen-Sch….“ erreicht hatte. Früh, viel zu früh musste man sich vom dem Ziel verabschieden, mit dem Tuchel in München angetreten war. „Wir wollten nach Berlin“, sagte der besonders geknickte Joshua Kimmich. Thomas Müller sprach von einem „Nackenschlag, wo einem etwas weggenommen wird“. Zumal das Pokalfinale zum dritten Mal hintereinander ohne den 20-maligen Sieger stattfinden wird.

Statt Titelkampf im Pokal also Titelkrampf. Trotzdem reagierte Hasan Salihamidzic mit einem lauten „Quatsch!“ auf die Frage, ob er sauer auf die Mannschaft sei. Auch der Sportvorstand suchte nach den Ursachen der Niederlage, die mit dem Handelfmeter durch Lucas Höler in letzter Sekunde besiegelt worden war. Trotzdem wirkte er nicht halb so angefressen wie nach einigen Liga-Auftritten zuletzt unter Nagelsmann. „Wir sind niedergeschlagen und enttäuscht“, sagte er, stellte aber klar: „Das hat nichts mit dem Trainer zu tun.“ Vielmehr ist der Verein weiter auf der Suche nach sich selbst – und dem „Wer san mia?“

Am deutlichsten wurde Kimmich, der ins Grundsätzliche ging. Der Mittelfeldboss sprach von „einem Tick zu wenig Leidenschaft und Emotion“, die Siegermentalität geht den Bayern ab. Tuchel fehlt die Fähigkeit, „Wucht und Gier gemeinschaftlich zu entwickeln“. 75 000 Zuschauer warteten über weite Strecken vergeblich auf Spielwitz, Passschärfe und abgestimmte Angriffe (Salihamidzic: „Es plätscherte.“). Und wenn ein Gegner dann „aus keiner Chance zwei Tore macht“ (Goretzka), geht’s halt schnell. Genau sieben Minuten lagen die Bayern nach dem Treffer von Dayot Upamecano (20.) in Führung.

Am Ende blieb – auch das sagte Goretzka – „eine bittere Pille, die wir jetzt schlucken müssen“. Müller fügte hinzu: „Gerade geht’s noch nicht runter.“ Tuchel muss da ab heute nachhelfen und dafür sorgen, dass die Bundesliga-Partie am Samstag in Freiburg anders ausgeht. Noch eine Niederlage (inklusive Verlust der Tabellenführung) – und auch die Autogrammjäger stellen kritische Fragen.

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