Berlin/Roubaix – John Degenkolb spürte die Folgen seines Höllenritts noch am nächsten Tag. Die steten Einschläge des Kopfsteinpflasters, die maximale Verausgabung und natürlich der dramatische Sturz auf die Schulter – sein Lieblingsrennen Paris-Roubaix ließ Degenkolb noch lange nach dem Ende leiden.
Die Moral jedoch war schnell wieder hoch. Die erste Enttäuschung über das tragische Ende einer herausragenden Fahrt bei der 120. Ausgabe der „Königin der Klassiker“ wich Stolz über das Erreichte. „Es war ein höllisches Rennen. Vielleicht eines der besten seit Jahren“, sagte Degenkolb, der nach aufmunternden Gesprächen mit dem Team, Freunden und Familie Frieden mit seiner „Lucky 7“ machte: „Es war schnell, hart und hat Spaß gemacht.“
Bei der schnellsten Ausgabe des Klassikers der Geschichte (46,841 km/h) war Degenkolb am Ostersonntag Siebter geworden. 2:35 Minuten nach dem niederländischen Sieger Mathieu van der Poel (Alpecin-Deceuninck) rollte der DSM-Profi mit gesenktem Kopf über den Zielstrich im Velodrom von Roubaix, begleitet vom lautstarken Applaus des Publikums.
Wenige Minuten zuvor hatte Degenkolb noch vom zweiten Roubaix-Triumph nach 2015 geträumt. Er zerschlug sich auf bittere Weise rund 18 Kilometer vor dem Ziel. Auf der letzten schweren Kopfsteinpflaster-Passage, dem gefürchteten Fünf-Sterne-Sektor Carrefour de l’Arbre, kam es zu einem folgenschweren Rennunfall. Der spätere Zweitplatzierte Jasper Philipsen wich auf die rechte Seite aus. „Da war ich schon im Graben und Mathieu hat sich durchgedrückt. Am Ende war kein Platz mehr für mich und ich bin in die Zuschauer am Straßenrand gekracht“, sagte Degenkolb: „Es ist schwer, eine Chance ungenutzt zu lassen, aber ich bin mit dem heutigen Ergebnis zufrieden.“
John Degenkolb und Paris-Roubaix – es ist eine ganz spezielle Verbindung. Der Triumph vor acht Jahren bleibt der Höhepunkt seiner erfolgreichen Karriere. Seinen letzten großen Sieg feierte er 2018 bei der Tour de France. Die Etappe endete natürlich in Roubaix. Respekt und Anerkennung hat sich Degenkolb in der „Hölle des Nordens“ aber nicht nur wegen seiner Leistungen auf dem Rad verdient. Weil er einst das Junioren-Rennen von Paris-Roubaix mit einer Crowdfunding-Aktion rettete, wurde ihm der 3,7 km lange Pave-Sektor 17 zwischen Hornaing und Wandignies gewidmet. Am Sonntag fuhr „Dege“ als Führender der hochkarätigen Spitzengruppe in den „Secteur John Degenkolb“. „Es war“, sagte er hinterher, „ein unvergesslicher und emotionaler Moment“. Auch ohne weitere Pflastersteintrophäe zählte Degenkolb zu den Gewinnern.
Favorit van Aert stand als Dritter mit grimmiger Miene im Velodrom. Der Belgier hatte das Tempo verschärft, als van der Poel und Degenkolb sich behakten. Doch als er mit dem Niederländer am Ende des Carrefour de l’Arbre vorn fuhr, war sein Hinterreifen platt. „Als Wout Defekt hatte, bin ich so schnell ich konnte gefahren. Natürlich ist das Pech, aber das ist Teil des Rennens“, sagte van der Poel. Der Cross-Weltmeister hat nun drei der fünf Radsport-Monumente gewonnen. Es fehlen noch Siege bei Lüttich-Bastogne-Lüttich und der Lombardei-Rundfahrt.
Bei den Damen gelang der Kanadierin Alison Jackson ein überraschender Coup. „Ich kann es nicht in Worte fassen“, sagte die 34-Jährige nach dem sie die favorisierte Belgierin Lotte Kopecky und die Niederländerin Marianne Vos hinter sich ließ. „Es ist ein Traum, der wahr geworden ist.“
Die kurioseste Aktion des Wochenendes lieferte Cameron Wurf. Nach den 256,6 Kilometern legte der Australier am Sonntag mit Blasen an den Händen und schmerzenden Fingern noch eine Laufeinheit ein. Wurf, 39 Jahre alt und ziemlich zäh, rannte einen privaten Halbmarathon. 1:26:55 Stunden brauchte er für die 21,2 km. Zuvor war er im Velodrom von Roubaix nach fast sechs Stunden Fahrzeit als 128. ins Ziel gekommen, mehr als 22 Minuten hinter Sieger van der Poel.
Sein Ritt sei „so holprig“ gewesen, dass es beim Pinkeln schmerze, schrieb Wurf. Und ging kurz danach Laufen. Für Wurf keine Besonderheit: Bis vor Kurzem war er als Ironman im Triathlon unterwegs. Ob er sich am Sonntag auch noch ins Wasser stürzte, ist derweil nicht überliefert. sid