Elf Kimmichs sollt ihr sein

von Redaktion

Bayern-Plan bei ManCity: „Bis an die Decke strecken“ und „Fight“ gewinnen

VON HANNA RAIF UND MANUEL BONKE

München – Am Montag, als der Bus am VIP-Wing des Flughafens München vorfuhr und die Spieler des FC Bayern den Sonderflug HFM 611 betraten, sah man Joshua Kimmich bester Laune. Im feinen Zwirn, wie immer, wenn die Champions League ruft, und mit einem Lächeln auf dem Gesicht hatte der 28-Jährige kaum mehr etwas gemein mit jenem Mann, der am Samstagnachmittag vom Sicherheitsdienst in Freiburg vom Feld geführt worden war. In vollkommener Ekstase, gefühlsmäßig irgendwo zwischen Revanchegedanken und purer Erleichterung, hatte sich der Regisseur des Rekordmeisters nach dem 1:0 im Breisgau zu einer Provokation der Heim-Fans hinreißen lassen, die nicht überall gut ankam. Geballte Fäuste, eine breite Brust, laute Schreie: Kimmichs kurzer Aussetzer zeigte nur zu gut, wie angespannt dieser Verein in der entscheidenden Saisonphase und vor dem Hinspiel im Champions-League-Viertelfinale an diesem Dienstag (21 Uhr) bei Manchester City ist. Der Druck nach Trainerbeben und Pokal-Aus ist so groß wie lange nicht mehr.

„Wir haben alle gemerkt, was in den letzten Wochen los war. Es ist sehr viel abgefallen“, sagte Kimmich in Freiburg. Er äußerte Verständnis für jeden, „der das unsportlich findet“, wollte den Blick aber lieber nach vorne richten. Dorthin, wo nach dem Anschwitzen und der Mittagsruhe im Teamhotel „Hyatt Regency“ von Manchester heute Abend der ehemalige Trainer Pep Guardiola und dessen Tormaschine Erling Haaland wartet. Der Rückenwind aus Freiburg, „das Ergebnis, der Sieg“, führte Kimmich aus, „sorgen für Selbstvertrauen“. Die mangelnde Effizienz der Offensive und das Wissen um den erneuten Zittersieg in Freiburg werden von der Hoffnung überlagert, dass das Champions-League-Gesicht des FC Bayern Julian Nagelsmann überdauert hat. Der Vorgänger von Thomas Tuchel lieferte acht Siege mit 21:2 Toren. Fortsetzung erwünscht.

„Wir wissen, was wir können, haben Selbstvertrauen und freuen uns. Wir werden uns auf allerhöchstem Niveau mit ManCity messen“, sagte Hasan Salihamidzic vor dem Abflug. Auch dem Sportvorstand ist aber bewusst, was sein Chef Oliver Kahn schon am Sonntag twitterte: „Gegen Manchester werden wir noch einmal eine Schippe drauflegen müssen.“ Der Tuchel-Effekt, den man sich bis zu den großen Duellen erwartet hatte, ist noch nicht eingetreten, auch Yann Sommer gab in Freiburg zu: „Wenn wir in Topform wären, hätten wir klarer gewonnen.“ Das Pokal-Aus schmerzt nach wie vor, „es ist nicht alles gut“, sagte Kimmich. Man will aber die „Energie mitnehmen“ (Sommer) und aus der Situation das Beste machen. Tuchel fehlen „Selbstvertrauen und Kreativität“, aber: „Wir sind uns bewusst, dass wir Top-Leistungen brauchen.“ Anders gesagt: „Visier hoch – dann gibt es einen Fight.“

Alles herauszukitzeln, alle so heiß zu machen wie Kimmich, war die Challenge der rund 75 Stunden zwischen Freiburg und Manchester. Tuchel appelliert in den verbleibenden zwei Wettbewerben an die Mentalität, „es kommen jetzt nur noch gefühlte Pokalspiele“, sagte er: „Wir müssen nachlegen, nachlegen und wieder nachlegen.“ Da ist es vielleicht gar nicht schlecht, sich jetzt mit dem „allerhöchsten Level“ messen zu müssen. Im Duell mit dem geschätzten Kollegen Guardiola könne „alles passieren, wenn wir bereit sind, uns bis an die Decke zu strecken“. Tuchel nimmt die Rolle des Underdogs gerne an.

Taktieren will er nicht, vielmehr zwei Mal auf Sieg spielen – und Haaland „im Verbund“ ausbremsen: „Anders geht es nicht.“ Es muss ohne Eric Maxim Choupo-Moting funktionieren, der wegen Knieproblemen fehlt. Dafür wird der Rest „Momente überstehen müssen, in denen wir leiden“. Man kann sich da schon an Kimmich orientieren – und sich ausmalen, wie breit die Jubelbrust sein würde, gelingt da heute ein Erfolg. Wobei die Debatte schon in Freiburg „ein Witz“, war, wie Salihamidzic sagte.

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