Armageddon oder Auferstehung?

von Redaktion

Die LA Lakers zittern sich in die Playoffs – und sind doch Mitfavorit

Los Angeles – Das Leben der Dramaqueen ist um eine Kurzgeschichte reicher. Diesmal sogar mit Happy End. Nach dem knappen Sieg der Los Angeles Lakers über Minnesota (108:102 nach Verlängerung) im Qualiturnier zu den NBA-Playoffs fingen die Kameras Bilder ein, wie man sie in LA viel zu selten gesehen hat in diesem Jahr: Superstar LeBron James blödelte herum, Trainer Darvin Ham umschlang in Teddy-Manier seine Spieler und Dennis Schröder zeigte nach seinem wichtigen Dreier auf seine Pulsadern, wollte damit symbolisieren, dass seine Venen mit Eis gefüllt sind – so eiskalt wie er den mit-entscheidenden Wurf vollstreckte. Den Vogel schoss auf dem Kurznachrichtendienst Twitter aber Ex-Laker Kyle Kuzma ab, der dort seine kühne These ausbreitete: „Ich glaube, die Lakeshow kann ins Finale kommen.“ Das war übrigens noch vor dem Zittersieg über das dezimierte Minnesota-Team, der Platz sieben und damit ein Rendezvous mit den unangenehmen Memphis Grizzlies im Achtelfinale der Playoffs sicherte. Jetzt kommt’s noch wilder: Nicht wenige denken wie Kuzma. Sind denn auf einmal alle verrückt geworden?

Noch nie hat ein siebtplatzierter Verein die Meisterschaft gewonnen. Doch im La-La-Land halten sie einen derartigen Coup für möglich. Das hat einerseits viel mit den Mechanismen der Medienwelt zu tun, die die Lakers nach den kürzesten Erfolgstränen in Hulk verwandeln lässt, andererseits mit der Realität im Westen der Liga. Wohin man auch blickt, nirgends will sich ein Top-Favorit auftun. In dieser Gemengelage ist es durchaus legitim, die Lakers als Mitfavoriten zu betiteln.

Hier ein paar Argumente pro LA: Sie haben natürlich LeBron James, selbst ernannter König der NBA und mit 38 Jahren noch immer einer der besten Spieler des Planeten. Flankiert wird er von Center Anthony Davis, ein Monster unter dem Korb. Zwar verletzungsanfällig und eitel im Gemüt, aber in Top-Form eine Waffe. An ihrer Gesundheit hängen die Titelträume des Rekordmeisters. Ansonsten hat sich die Mannschaft aufs Verteidigen spezialisiert. Seit der All-Star-Pause Anfang Februar stellen die Lakers die beste Defensive – das wichtigste Rüstzeug in den Playoffs.

Aber, aber, wie immer im NBA-Kosmos kann und darf man das alles nicht so ernst nehmen. Dieses Lakers-Team wandelt schon die ganze Saison zwischen Armageddon und Auferstehung. Nach dem Horrorstart (zehn Niederlagen in zwölf Spielen) musste Manager Rob Pelinka erstmals mit dem Feuerlöscher anrücken. Lange widerstand er den subtilen Forderungen von LeBron James, dem Meister des passiv-aggressiven Verhaltens, nach Verstärkungen für den Kader. Pelinka wollte auf keinen Fall die Zukunft verzocken im Tausch für mäßige Erfolge in der Gegenwart. Im Februar dann holte er für relativ wenig Einsatz vier brauchbare Profis (die Dreierspezialisten D’Angelo Russel und Malik Beasley, Edelverteidiger Jarred Vanderbilt und Talent Rui Hachimura). Zwischendrin knackte Superstar James den Allzeitrekord für die meisten Punkte in der NBA-Geschichte, verletzte sich aber danach wie Davis. Die Formkurve der Lakers mäandert beständig.

Und so weiß auch nach 83 Spielen niemand, wie gut diese Melange nun wirklich ist. An manchen Tagen wie gegen Minnesota wirken die Lakers wie dieses zerbrechliche Konstrukt der ersten Wochen. An anderen brennen Davis und James gegnerische Verteidigungslinien nieder. Eines kann man mit Sicherheit feststellen: Runde eins gegen Memphis bietet erstklassige Unterhaltung. Die jungen Grizzlies spotten mit Vorliebe über ihre Gegner. Dillon Brooks, der Rädelsführer in Sachen Trash-Talk, holte direkt aus und sagte: „Sie sind das erste Mal wieder zurück in den Playoffs, hauen wir sie gleich raus.“ Das wird die Show, die Los Angeles verdient. ANDREAS MAYR

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