Manchester – Die Analyse startete noch in der Nacht, es gab viel zu besprechen. Aber Thomas Tuchel wirkte am Cheftisch, an den er sich beim Mitternachtsbankett im noblen Ballsaal des „Kimpton Clocktower“ gesellt hatte, keineswegs übellaunig. Hier ein „schottischer Lachs en croute“, da ein „Quinoa Power Salat“, dazu gute Gespräche mit den Nebensitzern Oliver Kahn und Herbert Hainer. Von Schockstarre, Wut oder Groll war nach dem bitteren wie deutlichen 0:3 (0:1) im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinals bei Manchester City wenig bis gar nichts zu spüren. Beim Coach nicht – und auch nicht bei seinen Vorgesetzten. Dafür krachte es in der Kabine, und wie!
Die Nachricht war raus, als der Flieger HFM 612 gestern Abend wieder Münchner Boden unter den Rollen hatte. Wie die „Bild“ berichtet, soll es noch in den Katakomben des Etihad Stadions zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen Sadio Mané und Leroy Sané gekommen sein. Im Umkleideraum soll dem zuvor eingewechselten Mané der Kragen geplatzt sein, es flogen Worte, ehe ihm die Hand ausrutschte. Sanés Lippe bekam etwas ab, Teamkollegen mussten eingreifen und die Streithähne trennen, die schon auf dem Platz – laut Mané in unangebrachten Tonfall – diskutiert hatten. Es passte, dass Sané bei seinem Abgang und auch beim Bankett den Pullover tief ins Gesicht gezogen hatte. Dort lauschte er Kahn – und wohlwollenden Worten.
Als der Vereinsboss um 23:34 Uhr Ortszeit das Mikrofon zur Hand nahm und zur ersten echten Bankett-Rede seiner Amtszeit ansetzte, hatte man doch anderes erwartet. Aber der CEO hatte sich wie alle anderen entschieden, die positiven Aspekte der Pleite herauszustellen. Natürlich sei man „enttäuscht“ und hätte sich den Ausflug auf die Insel „anders vorgestellt“. Aber – das Mikrofon piepste – „es bringt jetzt nicht groß etwas, zu lamentieren und irgendwie alles negativ zu sehen“. Der Tatsache, dass der Einzug ins Halbfinale aufgrund der „hohen Hypothek“ (Leon Goretzka) mehr als unwahrscheinlich ist, begegnete Kahn mit Durchhalteparolen. Der 53-Jährige erhob die Stimme, als er in den Raum rief: „Und dann… dann gibt es immer noch ein Rückspiel. Und wir haben die Pflicht, in diesem Rückspiel alles, was möglich ist, reinzuwerfen.“
Mehr als das bleibt der Mannschaft von Thomas Tuchel am kommenden Mittwoch in München nicht übrig, ab jetzt geht es um Schadensbegrenzung. „Rechnen können wir alle“, sagte Kapitän Joshua Kimmich, Thomas Müller bewertete das Ergebnis als „absolut katastrophal für uns“. Obwohl sich die 90 Minuten im Etihad Stadion für die Spieler nicht nur schlecht angefühlt hatten, Kimmich „70 Minuten ein Spiel auf Augenhöhe“ gesehen hatte, blieb unter dem Strich eine deutliche Packung von Ex-Trainer Pep Guardiola und seinen Königsklassen-Favoriten. Die Bayern hatten zwischenzeitlich am Ausgleich geschnuppert, stattdessen aber nach dem 1:0 durch Rodri (27.) zwei weitere Treffer durch Bernardo Silva (70.) und Superstürmer Erling Haaland (76.) kassiert. Auch wenn man laut Tuchel „mindestens ein Tor“ verdient gehabt hätte, hätte die Niederlage auch höher ausfallen können.
Müller hatte schon Recht, als er sagte: „Das Spiel ist eklig zu analysieren.“ Trotzdem wirkte es irgendwo zwischen überraschend und abstrus, wenn man Tuchel nach Abpfiff zuhörte. Es fielen Sätze wie „Ich habe mich schockverliebt in diese Mannschaft“ und „heute hat es richtig Spaß gemacht zu coachen“. Das mag aus Sicht eines leidenschaftlichen Fußball-Liebhabers stimmen, auch Goretzka unterstrich: „Ich glaube nicht, dass so viele Mannschaften hier derart dominant auftreten, auch mit Ball.“ Aber es passte nur bedingt zur Rolle eines Bayern-Trainers, der in den ersten zwei Wochen seiner Amtszeit bereits den zweiten Titel so gut wie verspielt hat. Tuchel blieb dabei: „Ich weigere mich, diese Leistung schlechtzureden.“
Trotzdem drängte sich die Frage nach dem viel zitierten „Tuchel-Effekt“ natürlich auf. Müller wollte diplomatisch antworten, ließ aber mit den Worten „Das müsst ihr Hasan fragen. Ich äußere mich dazu nicht, denn die Debatte birgt Zündstoff“ tief blicken. Und Salihamidzic bat um mildernde Umstände, indem er hinterherschob: „Wir brauchen ein bisschen Zeit, die Mannschaft mit dem neuen Trainer.“ Irgendwann, da war Kimmich sich sicher, „werden wir vom neuen Trainer noch sehr profitieren“. Aktuell aber hilft nur Schönreden – und sich nicht zerfleischen. Kahn geht da vorweg, indem er ausrief: „Ich habe im Fußball schon Unglaubliches erlebt.“ Tuchel blickte kurz auf – Sané nicht.