Neutralität, das ist ein Wert, zu dem sich die UEFA verpflichtet hat. Aber mit irgendeinem Redakteur ist es am Dienstagabend durchgegangen. Im Live-Ticker auf der Homepage der Europäischen Fußball-Union war zu lesen, was sich am Rande dieses 0:3 des FC Bayern bei Manchester City die meisten dachten, aber die wenigsten aussprachen. „Ein Penny für die Gedanken von Julian Nagelsmann“, stand da dick. Mit Neutralität hatte das vielleicht wenig zu tun – mit der Wahrheit umso mehr.
Auch wenn die Bayern nach der Niederlage darum bemüht waren, die Partie über das Ergebnis heraus zu interpretieren, kann man die Augen vor der Bilanz nicht verschließen. Seit dem für viele – und auch die meisten Spieler – überraschenden Trainerwechsel hat der Rekordmeister eineinhalb Titelchancen verspielt und nur noch das Minimalziel Meisterschaft ernsthaft vor Augen. Lässt man sich dann an den Worten messen, die zum Amtsantritt von Thomas Tuchel gewählt wurden, muss man sich jetzt auch unangenehme Fragen gefallen lassen. Klar, der neue Trainer soll lange bleiben, er wurde aber offiziell auch geholt, weil die Clubführung unter seinem Vorgänger die „kurzfristigen Saisonziele in Gefahr“ gesehen hat. Mal salopp gesagt: Schlimmer hätte es unter Nagelsmann auch nicht kommen können.
Vielleicht ist es clever, nicht nur draufzuhauen, will man den langfristigen Schaden gering halten. Dennoch dürfen Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic die Augen vor der Mammutaufgabe nicht verschließen, die da in den kommenden Monaten vor ihnen liegt. Egal, wie die Pleite zustande kam, sie offenbarte doch, dass der Ist-Zustand aktuell nicht zu den eigenen Ansprüchen des Vereins passt, der sich jedes Jahr im Halbfinale der Champions League sieht. Da ist ein Trainer, der womöglich eine Idee, aber keine Zeit hat. Und auf eine Mannschaft trifft, der man die Verunsicherung ansieht, die die turbulente Saison sowie der Blitz-Trainerwechsel mit sich gebracht haben. Es wäre ein kleines Wunder gewesen, hätte diese Konstellation reibungslos funktioniert.
Der Abend von Manchester wird – und muss – nachhallen, die Lehren müssen auf allen Ebenen gezogen werden. Auf dem Transfermarkt, wo ein Stürmer und ein Sechser mit Weltklasse-Format dringend gesucht sind. Auf dem Feld, wo das Selbstverständnis fehlt. An der Seitenlinie, in der Chefetage, in der Kabine. Es wird ein langer Weg, will man City-Format haben. Und er wird – mal ganz neutral gesprochen – nicht nur angenehm werden.
Hanna.Raif@ovb.net