Nürnberg – Der aufmunternde Applaus von über 30 000 Fans war gerade verhallt, die Abschiedstränen von Dzsenifer Marozsan getrocknet, da begannen Alexandra Popp und Co. mit der schonungslosen Analyse. „Uns ist bewusst, dass es mit der Art und Weise bei der WM nicht reichen wird“, kritisierte die DFB-Kapitänin nach der schmerzhaften Lehrstunde gegen Brasilien (1:2). Rund drei Monate vor Beginn der Titelmission Down Under sei „ein bisschen der Wurm drin“.
Die Härtetests in den Niederlanden (1:0) und gegen die Selecao lieferten schließlich mehr Fragen als Antworten – vor allem für die Bundestrainerin. „Die To-do-Liste ist sehr lang, sie ist nicht kürzer geworden“, sagte Martina Voss-Tecklenburg. Sie forderte unmissverständlich, dass die Mannschaft für die Titeljagd in Australien und Neuseeland (20. Juli bis 20. August) „in allen Bereichen eine Schippe drauflegen“ müsse.
Denn bislang offenbarten die DFB-Frauen in diesem Jahr ungeahnte Schwächen. Im Aufbau fehlen unter Pressing die Ideen, die Passqualität lässt zu wünschen übrig, auf dem Weg zum erhofften dritten Stern wartet noch viel Arbeit. „Wir sind gewarnt, dass wir Spiele auf diesem Niveau nicht mit 80, 90 Prozent gewinnen“, betonte Voss-Tecklenburg: „Wir haben noch nicht die Sicherheit, die wir bei der EM hatten.“
Weniger als 100 Tage bleiben den Vize-Europameisterinnen bis zum WM-Start. Vielleicht komme die Niederlage „zum richtigen Zeitpunkt“, meinte Sydney Lohmann, die von einem „kleinen Wachrüttler“ sprach. Auch Felicitas Rauch betonte, dass der Auftritt nicht dem Anspruch genüge, aber: „Es wäre ein Fehler, alles zu hinterfragen.“ Trotz aller Kritik wollte auch die Trainerin „nicht alles schlechtreden“.
Erfreulich war etwa das Comeback von Melanie Leupolz, die sich nach ihrer Babypause nun Hoffnungen auf eine WM-Teilnahme machen darf. Anders als Marozsan, die nach ihrem 112. und letzten Länderspiel noch einen emotionalen Abend in Nürnberg erlebte und die WM vor dem Fernseher verfolgen wird – sofern sie denn übertragen wird.
Auch die Ungewissheit mit Blick auf die Vergabe der TV-Rechte sorgt dieser Tage für Irritationen im Lager der DFB-Frauen. Dass derzeit noch offen ist, ob und wo die WM-Partien in Deutschland zu sehen sein werden, wundere sie sehr, sagte Nationalspielerin Kathrin Hendrich der Sport Bild. Lohmann zeigte sich trotz der Gefahr eines TV-Blackouts „optimistisch, dass sich alle einigen. Etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen.“
Zunächst rückt der Fokus für Popp und Co. aber wieder auf die Aufgaben im Verein, in Königsklasse, Pokal und Liga soll frisches Selbstvertrauen getankt werden. Im Juni und Juli startet dann mit den letzten beiden Lehrgängen die heiße Phase in Herzogenaurach. sid