München – Sollen und dürfen russische Athleten wieder an internationalen Sportveranstaltungen teilnehmen? Die westliche Welt sagt: Nein. Aber viele Sportler und Nationen sehen das ganz anders. Der deutsche Kanu-Weltverbandspräsident Thomas Konietzko (59) aus Bitterfeld-Wolfen steckt daher in einer Zwickmühle.
Thomas Konietzko, das IOC hat eine Wiederzulassung russischer Athleten in den Weltsport empfohlen, unter bestimmten Vorgaben wie einer neutralen Teilnahme. Wie stehen Sie dazu?
Ich finde es gut, dass das IOC klare Vorgaben gemacht hat, an denen sich die Verbände orientieren können. Aber Thomas Bach hat ja auch gesagt, dass es kein Modell gibt, das sich einfach so auf alle Verbände und Situationen anwenden lässt. Wir haben nur eine Chance, in Westeuropa auf ein gewisses Verständnis zu stoßen, wenn die Empfehlungen des IOC und eine Neutralität glasklar umgesetzt werden. Anders als es vielleicht bei vorherigen Olympischen Spielen der Fall war. Unser Verband ist aktuell im Prozess der Entscheidungsfindung. Wir haben einen ersten Entwurf erarbeitet, der Ende April abschließend diskutiert wird.
Thomas Bach betont als IOC-Präsident stets: Sport und Politik sollte man klar trennen. Bei den Spielen in Peking oder Sotschi hat man aber gesehen, wie die olympische Bühne für politische Propaganda missbraucht wurde. Sind Sie auch der Meinung, dass Sport nicht politisch sein sollte?
Sport ist politisch. Wir hätten vermutlich in Westeuropa nicht so detailliert von der dramatischen Situation der Uiguren in China erfahren, wenn es die Olympischen Spiele dort nicht gegeben hätte. Genauso wie mit den Vertragsarbeitern in Katar und der Fußball-Weltmeisterschaft. Wir müssen aufpassen, dass Sport keine Bühne für Propaganda bietet. Insbesondere wenn es um eine Zulassung russischer Sportler als neutrale Athleten geht. Da darf es wirklich absolut keinen Raum geben, dass eine Wiederzulassung als Propaganda für den Angriffskrieg genutzt wird.
Denken Sie, es wird wirklich nachzuvollziehen sein, welche russischen Sportler mit dem Krieg beziehungsweise dem Militär in Verbindung stehen und welche nicht?
Das wird schwierig. Aber ich glaube, es ist machbar. Die Verbände, die sich dazu entscheiden, russische Sportler wieder aufzunehmen, müssen sehr genau alles prüfen. Es darf uns kein einziger Fehler unterlaufen und niemand zugelassen werden, der den Krieg unterstützt oder vom Militär abhängig ist.
Sie haben gesagt, dass eine Minderheit der Sportler, mit denen Sie gesprochen haben, für eine Fortsetzung der Sanktionen ist. Aus Deutschland hört man überwiegend kritische Stimmen, zuletzt gab es einen Brief, unterzeichnet von 300 Fechtern, gegen die Wiederzulassung russischer Sportler.
Ich habe schon gesagt, dass die Unterzeichner des Briefes zu einem großen Teil aus Europa kamen. Das spiegelt auch die Situation insgesamt im Weltsport aktuell wider. Es gibt eine Grenze zwischen westeuropäischen Wertvorstellungen und dem Rest der Welt. In unserem Verband ist es eindeutig so, dass eine übergroße Mehrheit der Athleten, mit denen ich gesprochen habe, inklusive unserer Athleten-Kommission für eine Wiederzulassung russischer Sportler unter neutraler Flagge ist. Auch zwei Drittel unserer 172 Verbände sehen das so. Eine überwältigende Mehrheit ist der Auffassung, dass Sport und die olympische Bewegung für jeden Sportler zugänglich sein muss, unabhängig von der Herkunft, dem Glauben oder der sexuellen Orientierung.
Russland hat Staatsdoping betrieben, die russischen Sportler wurden nun über einen langen Zeitraum nicht von einem unabhängigen System auf Doping überprüft. Auch das ist eine Sorge vieler Sportler.
Es hat mich überrascht, dass die Mehrzahl der Sportler, mit denen ich gesprochen haben, sich mehr Sorgen über das Dopingkontrollsystem in Russland als über eine Zulassung neutraler Sportler gemacht hat. Natürlich muss das Bedingung sein, dass Sportler bei einer Wiederzulassung das Dopingkontrollsystem lückenlos durchlaufen haben. Es ist aber falsch, dass es in Russland keine Dopingkontrollen gibt. Die Sportler müssen sich dort mehr oder weniger regelmäßig Dopingkontrollen unterziehen. Aber die Einbettung in das weltweite Dopingsystem ist auf jeden Fall ein wichtiges Kriterium, das erfüllt werden muss, bevor russische Athleten wieder aufgenommen werden könnten.
Beim Fechten wurden einige Weltcups seit Wiederzulassung russischer Sportler zurückgegeben. Innenministerin Nancy Faeser sprach von einem Einreiseverbot für russische Sportler. Es droht ein riesiges Chaos um die Durchführung von Sportveranstaltungen und Qualifikationen.
Da sprechen Sie einen entscheidenden Punkt an. Der Sport und die olympische Bewegung müssen sehr vorsichtig sein, sich nicht von der Politik abhängig zu machen. Es kann nicht sein, dass die Politik und Regierungen bestimmen, wer an welchen Sportveranstaltungen teilnehmen darf. Dann setzen wir die Idee der olympischen Bewegung auf lange Zeit aufs Spiel. Und die olympische Idee ist schützenswert. Die Olympischen Spiele sind das letzte verbliebene Event, bei dem Sportler aus allen Ländern – unabhängig von der Staatsform des jeweiligen Landes – miteinander unter klaren Regeln in einem friedlichen Wettstreit stehen. Das ist ein Wert an sich, den wir schützen müssen. Das, was unsere Innenministerin gesagt hat, wird sich in der Realität nur sehr schwer durchsetzen lassen. Ich kenne einige russische Sportler, die ihre Schengen-Visen in Ungarn, Spanien oder Griechenland bekommen haben. Wie gehen wir mit solchen Sportlern um, die ein Schengen-Visum haben und nicht auf ein deutsches Visum angewiesen sind? Also es ist eine wohlfeile Aussage, in der Realität kann sie das Problem nicht lösen. Das können nur die Verbände mit einer glasklaren Regelung, wie sie mit neutralen Sportlern umgehen wollen und werden. Und diese Entscheidungen sollte die Politik dann auch respektieren und akzeptieren.
Zu Beginn des Krieges haben Sie gesagt, dass Sie im ständigen Kontakt „mit unserer Kanufamilie in der Ukraine“ sind. Die ukrainische Kanufamilie wird wohl nur mit einer Entscheidung, nämlich keiner Wiederzulassung, zufrieden sein.
Die ukrainischen Sportler leiden am allermeisten unter dem Krieg. Aber auch dort gibt es ein unterschiedliches Meinungsbild, zumindest unter den Sportlern, mit denen ich gesprochen habe. Da war ich auch überrascht. Einige sagen, die Russen dürfen überhaupt nicht zugelassen werden. Es gibt aber auch Athleten, die gegen Russen antreten würden.
Seit Kriegsbeginn sind über 260 ukrainische Sportler im Krieg gefallen. Sportler haben im Krieg Familie und Freunde verloren. Viele stellen die Frage, wie man es ihnen zumuten kann, gegen russische Sportler anzutreten, während ihr Land weiter angegriffen wird.
Ich verstehe das. Ich begleite die ukrainischen Sportler seit Beginn des Angriffskriegs. Wir haben als Verband im letzten Jahr sehr viel getan, um den ukrainischen Sportlern die Teilnahme an Wettbewerben zu ermöglichen. Ich kann jeden einzelnen verstehen, der nicht gegen einen russischen Sportler antreten möchte. Allerdings muss ich als Präsident eines Weltverbands alle Meinungen berücksichtigen. Natürlich wird die Meinung der ukrainischen Sportler in die Entscheidung einfließen. Es gibt aber eben auch zwei Drittel der Verbände, die eine andere Meinung haben. Diese Meinungen gegeneinander abzuwägen, wird unheimlich schwierig. Keiner tut sich mit einer solchen Entscheidung leicht. Wir müssen viele Dinge berücksichtigen, um am Ende eine Entscheidung zu treffen, die hoffentlich auch unseren ukrainischen Freunden passt.
„Wir wissen, dass unschuldige Sportler und Funktionäre in Russland und Weißrussland, die die Maßnahmen ihrer Regierung nicht unterstützen, bestraft werden, aber die Kosten für unsere Sportler, Trainer und Funktionäre in der Ukraine sind viel höher.“ Dieses Zitat von Ihnen stammt aus dem März 2022. Stehen Sie weiter dahinter?
Natürlich ist das ein Zitat, bei dem ich zu hundert Prozent mitgehe. Ich habe auch mit russischen Sportlern gesprochen. Mir haben einige gesagt, dass sie diesen Krieg verurteilen, aber abhängig sind vom russischen Regime und ihre Meinung nicht frei äußern können. Weil sie sonst Gefahr laufen, inhaftiert zu werden. Wir sollten also nicht verallgemeinern, dass alle Russen für diesen Krieg sind. Das ist meine Hoffnung, die manchmal vielleicht ein bisschen naiv ist: Dass ein Austausch über diesen schrecklichen Krieg hilfreich ist. Man sollte auf jeden Fall im Gespräch bleiben. Der Sport hat hier eine Rolle, die kaum ein anderer Teil der Gesellschaft aktuell anbieten kann. Deshalb wird es eine ergebnisoffene Diskussion im Verband bei uns geben. Ich stehe aber nach wie vor zu der Position, dass wir zuallererst auch die Interessen der ukrainischen Athleten im Blick haben müssen.
Es ist auffällig, dass gerade Verbände, die von russischen Investoren abhängig sind, eine Entscheidung für eine Wiederzulassung getroffen haben. Glauben Sie, dass der Einfluss russischer Oligarchen im Weltsport viele Verbände in ihren Entscheidungen beeinflussen wird?
Ich möchte nicht über die Situation anderer Verbände sprechen. Unser Verband hat sehr klar russische Funktionäre und Offizielle ausgeschlossen. Sie sind von allen Gremien, in denen sie vertreten waren, im Moment suspendiert worden. Wir haben auch sofort nach Beginn des Krieges unsere Beziehungen mit russischen und belarussischen Sponsoren beendet. Ich glaube, das sollte man auch unbedingt fortsetzen, um keine Bühne zu bieten, für diesen Angriffskrieg zu werben.
Interview: Nico-Marius Schmitz