„Träume sind wichtig!“

von Redaktion

KLEINER LÖWE FRAGT GROßEN LÖWEN Präsident Reisinger über den Mythos TSV 1860

München – Die Löwen haben ein Herz für den Nachwuchs – und unsere Zeitung auch. Für eine Hausarbeit über den Mythos TSV 1860 hat Siebtklässler Elias Kellner, 13, Sohn unseres Sportredakteurs Uli Kellner, ein Interview mit Präsident Robert Reisinger geführt. Der Oberlöwe äußerst sich darin ausführlich zu den großen Fragen rund um seinen Verein – und beide Seiten haben einem Abdruck zugestimmt.

Herr Reisinger, gleich neben der Grünwalder Straße sitzt ein Verein, der Titel sammelt und sich mit den Besten der Welt misst. Ist die räumliche Nähe zum FC Bayern Fluch oder Segen für den TSV 1860?

Weder noch, nahezu jeder Fußballverein in Deutschland wird mit unserem Nachbarn verglichen, egal ob er in zwei Kilometern Entfernung oder in einer anderen Stadt liegt. Wirtschaftlich und sportlich ist der FC Bayern allen weit entrückt. Wir schauen nur auf uns selbst.

Seit dem Abstieg aus der zweiten Bundesliga haben sich die Löwen als kultiger, manchmal chaotischer Stadtteilclub etabliert. Ist das Besetzen dieser Nische das beste Konzept, wenn schon das Geld für große Sprünge fehlt?

Wir haben uns nach dem Doppelabstieg im Jahr 2017 wieder auf unsere Wurzeln in Giesing besonnen. Der TSV 1860 ist hier zu Hause, aber deshalb kein Stadtteilclub. Die Strahlkraft reicht schon über die Stadtbezirke 17 Obergiesing-Fasangarten und 18 Untergiesing-Harlaching hinaus. Kultig waren die Löwen immer. Vor allem im Vergleich mit dem Lokalrivalen. Das bisweilen chaotisch Wirkende spielt sich nur auf der Bühne des Profifußballs ab. Auf den Gesamtverein trifft die Feststellung nicht zu. Der Profifußball bei 1860 bieten vielen Medien seit Jahrzehnten Stoff für emotionale Geschichten. Ich persönlich könnte sehr gut ohne das ganze Theater leben.

Eine positive Konstante beim TSV 1860 ist die preisgekrönte Nachwuchsarbeit. Mit welchen Argumenten überzeugen die Löwen junge Talente, die auch von größeren Clubs umworben werden?

Im Kader unserer Profimannschaft stehen aktuell mehr Eigengewächse als bei jedem anderen Club in Deutschland. Nirgendwo ist der Weg in den Profifußball für Talente kürzer als in Giesing. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Mit der hohen Zahl seiner ausgebildeten Talente zählt das Nachwuchsleistungszentrum des TSV 1860 München zu den besten Adressen in Deutschland.

2011 erwarb der Jordanier Hasan Ismaik 49 Prozent der stimmberechtigten Anteile an der Profiabteilung der Löwen. Richtig harmonisch wirkt dieses Verhältnis nicht. Wie tragfähig ist die Verbindung in Bezug auf die Zukunft?

Beschränkt sich jeder auf seine Rolle im Konstrukt Profifußball und halten sich alle Beteiligten an verbandsrechtliche Vorgaben, kann die Verbindung der Gesellschafter durchaus tragfähig sein.

Die 50+1-Regelung schützt deutsche Proficlubs vor dem Einfluss gieriger Investoren. Wie ist Ihre Meinung dazu?

50+1 schützt den Mutterverein. Ich bin deshalb als Präsident ein Befürworter der Regel. Kritiker aus den Reihen von Investoren fordern die Abschaffung, weil sie glauben, ihre Anteile würden dadurch an Wert gewinnen. Ich halte Kooperationen zwischen Vereinen und Investoren nicht generell für unmöglich. Im Vordergrund muss aber immer der sportliche Wettbewerb stehen. Firmenmeisterschaften, bei denen das Team von Investor X gegen das Team von Investor Y spielt, sind mit der Fußballtradition in Deutschland nicht vereinbar.

Auch die Stadionfrage polarisiert. Wie kann der TSV 1860 im alten Grünwalder Stadion genug Geld verdienen, um wirtschaftlich als Profiverein eine Perspektive zu haben?

Das Grünwalder Stadion bietet ohne einen modernen Umbau der gesamten Anlage keine dauerhafte Perspektive für Profifußball. Das weiß aber auch jeder. Sowohl die Verantwortlichen bei der Stadt als auch die Nutzer des Stadions, von denen der TSV 1860 nur einer von mehreren ist. Wichtig sind ein gut ausgebauter VIP- und Business-Bereich und technisch ausgereifte Werbemöglichkeiten im Stadion. Ohne das geht es heutzutage nicht mehr.

Nun hängen die Löwen schon seit fünf Jahren in der 3. Liga fest. Welche sportliche Vision haben Sie für den Deutschen Meister von 1966?

Du fragst nach einer Vision und meinst damit vermutlich eine langfristige Strategie für den Profifußball? In der Situation, in der sich der Profifußball beim TSV 1860 befindet, müssen wir zunächst in kleineren Schritten denken. Nimm zum besseren Verständnis deine eigene Situation. Du kannst große Pläne machen, wie du das Abitur schaffst, nach der Schule ein Studium aufnimmst und dir ausmalen, wie deine berufliche Karriere nach der Hochschule verlaufen könnte. Das ist auch okay, Träume sind wichtig. Du bist aber Siebtklässler und hast nächste Woche erst einmal die leidige Matheschulaufgabe vor der Brust. Uns geht es gar nicht so viel anders. Wir haben beim TSV 1860 Aufgaben, die wir kurz- und mittelfristig bewältigen müssen, die unsere ganze Aufmerksamkeit und Kraft erfordern. Wie jede Saison versuchen wir um den Aufstieg mitzuspielen. Wir alle wollen zurück in die 2. Liga. Mit wirtschaftlich vertretbarem Handeln. Die meisten unserer Fans und Mitglieder lieben den TSV 1860 – egal in welcher Liga er spielt. Sie wollen den bestmöglichen Erfolg, aber nicht um jeden Preis. Das ist ein Pragmatismus, dem wir uns als Präsidium stark verpflichtet fühlen. Pragmatismus meint, sich an den situativen Gegebenheiten zu orientieren und weniger an utopischen Träumen.

Interview: Elias Kellner

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