Zu schläfrig für ein Spitzenteam

von Redaktion

Haken an die Saison: Löwen verspielen letzte Chance auf ein spannendes Finish

VON ULI KELLNER

Wiesbaden – Den vorzeitigen Feierabend vor Augen, verließ Joseph Boyamba in der 82. Minute das Spielfeld. Die Löwen lagen in Wiesbaden seit der zehnten Minute mit 0:1 hinten – in Fynn Lakenmacher und Meris Skenderovic brachte Maurizio Jacobacci zwei frische Stürmer für die Schlussphase. Für Boyamba schien der Fall klar zu sein: Er wählte den kürzesten Weg vom Platz, schlappte gemütlich an der entfernten Tribünenseite vorbei, an der Gästekurve mit den 2000 Löwen-Fans – bis er seinen Kopf doch noch mal hochnahm, einen wild gestikulierenden Trainer erblickte, einen schmunzelnden Schiedsrichter und nur neun neongelbe Feldspieler auf dem Platz . . .

„Ich weiß nicht, was los war“, sagte Jacobacci hinterher. Boyamba habe „wohl gedacht, ausgewechselt zu sein“. War er nicht – aber keine Szene beschreibt besser den Zustand der am Samstag desorientierten Löwen. Zu Recht verloren sie am Ende mit 0:2, denn der gut organisierte Tabellenzweite hatte sich die Schläfrigkeit der Gäste zunutze gemacht. Wiesbaden verhielt sich 90 Minuten lang aufreizend passiv – um in den entscheidenden Szenen hellwach zuzuschlagen.

Dem 1:0 von Fechner war ein simpler Eckball mit Kopfballverlängerung am hinteren Pfosten vorausgegangen. „Wir waren vorbereitet auf diesen Standard, dürfen das Tor so niemals bekommen“, schimpfte Jacobacci. Gilt auch für die Entstehung des 2:0. Albion Vrenezi, noch einer der agileren Löwen, ließ sich von Mrowca im Mittelkreis den Ball vom Fuß klauen. Das Zuspiel des Balldiebs nutzte der ebenfalls eingewechselte Prtajin, um mit einem trockenen Schuss unter die Latte abzuschließen. War Phillipp Steinhart vor dem ersten Tor am Boden kleben geblieben, so ging beim zweiten auch für Jesper Verlaat und Torhüter Marco Hiller alles zu schnell. „Vom Gefühl her haben sie uns nicht an die Wand gespielt“, kommentierte Verlaat: „Sie haben auf unsere Fehler gelauert.“

Und die Löwen taten dem Team von Markus Kauczinski den Gefallen und lieferten: Fehler, die Jacobacci zeigten, „wieso dass wir an dieser Stelle der Rangliste stehen (Platz 8/Red.) – und wieso dass Wehen an zweiter Position ist“.

Zum Leidwesen des Italieners wurde am Samstag auch die letzte Chance verspielt, in dieser Rangliste noch einmal entscheidend nach oben zu klettern. Schon vor dem Spiel war klar, dass die Löwen gewinnen müssen, um Saarbrücken und Dresden (beide 56 Punkte) nicht aus den Augen zu verlieren. Das ist nun geschehen, sowohl die Relegation als auch der DFB-Pokal-Platz außer Reichweite. Zehn Punkte dürften in sechs ausstehenden Spielen kaum aufzuholen sein. Kein Wunder also, dass die 1860-Profis schon mal damit anfingen, einen gedanklichen Haken unter diese Saison zu machen.

Durch den historisch guten Start hätte sich das Team „eine brutale Fallhöhe“ erarbeitet, meinte Hiller: „Die haben wir voll ausgenutzt, muss man leider klar so sagen.“ Mental sei es „eine brutal anstrengende Saison“ gewesen, wählte Verlaat ähnlich drastische Worte: „Wir haben alle Extreme erlebt – von top bis Flop. Das ist kräfteraubend, das geht an keinem vorbei. Unser Ziel muss jetzt sein, dieser Saison einen guten Nachgeschmack zu geben.“

Am Samstag, im Heimspiel gegen Bayreuth, könnten die Löwen zumindest eine Rechnung begleichen. Die 0:1-Pleite im Hinspiel war der Beginn der schweren Winterkrise, die Ende Januar Michael Köllner das Amt kostete. Für Jacobacci, seinen Nachfolger, war Wiesbaden ein Rückschlag, der aber nichts daran ändern wird, dass der Italiener in den nächsten Tagen einen Einjahresvertrag bei 1860 unterschreibt. Fragen zu diesem Thema blockte er am Samstag ab, wofür der ehrgeizige Coach höflich um Verständnis bat: „Ich möchte gerne erst mal das Spiel verdauen.“

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