Barcelona holt zum Gegenschlag aus

von Redaktion

Schiedsrichter-Bestechung? Präsident Laporta verneint und attackiert Liga-Boss Tebas und Real Madrid

Barcelona – Vor Joan Laporta sind auf dem Podium zwei Beistelltische aufgebaut. Darauf stehen vier Ordner, drei granatfarben, einer rot, die Anwälte und Compliance-Experten des Vereins haben sie dort deponiert. Sensibles Material, sensibles Thema: Zwei Monate nach Beginn der Enthüllungen über Millionenzahlungen des FC Barcelona an einen damaligen Vizepräsidenten des spanischen Schiedsrichterwesens ist Clubpräsident Joan Laporta gekommen, um sich detailliert zum „Fall Negreira“ zu äußern.

Spanien wartet auf Erklärungen spätestens, seit die Staatsanwaltschaft ein Korruptionsermittlungsverfahren gegen den fraglichen Ex-Schiedsrichter, José María Enríquez Negreira, sowie den Verein eingeleitet hat. In dieser Zeit hat sich das ohnehin notorisch toxische Klima um die Unparteiischen dermaßen aufgeladen, dass 84 Prozent der Spanier laut einer Umfrage des Fernsehsenders „La Sexta“ glauben, ihr Fußball sei nicht sauber.

Laporta hat Erklärungen nur teilweise anzubieten, äußert aber seine restlose Überzeugung, dass der Prozess mit einem Freispruch enden wird. Seine Kernbotschaft: „Der FC Barcelona hat nie irgendeine Handlung unternommen, die zum Ziel gehabt hätte, den Wettbewerb zu verzerren.“ Vielmehr habe die Firma von Negreira – und insbesondere dessen Sohn – für den Club etliche Scouting-Berichte über Unparteiische und Jugendspieler angefertigt. Die vor ihm aufgebauten Ordner sollen illustrieren, dass dieses Material mehr als sieben Millionen Euro Honorare zwischen 2001 und 2018 wert waren.

Unterstellungen, Barça hätte sich mit der Beauftragung von Negreira auch Einfluss auf Schiedsrichterleistungen erkaufen wollen, nennt Laporta eine „danteske Kampagne“ und „die heftigste Attacke der Geschichte“. Anstelle der Unschuldsvermutung sei eine „Lynchjustiz“ getreten, die dem gesamten spanischen Fußball schade. Laporta knöpft sich dabei zunächst Ligachef Javier Tebas vor, der mit „verbaler Inkontingenz“ die „falsche Hypothese“ von einem Bestechungsversuch aufbausche und damit auch die internationalen Verbände zu beeinflussen versuche. Er hoffe dennoch, dass die Uefa seinen Verein nicht von der Champions League ausschließe.

Dann ist Real Madrid an der Reihe, das sich mit Schuldzuweisungen an Barça zunächst zurückhielt – um später eine Kehrtwende zu vollziehen und eine Prozessbeteiligung als Nebenkläger, weil durch mögliche Schiedsrichterfehler direkt Benachteiligter, zu beantragen. Eine Steilvorlage für Laporta, der an diesem Punkt zum einzigen Male während des ganzen Auftritts ein Lächeln einstreut. Dann feuert er einen Gegenangriff ab, der die Debatten in Spanien den Rest des Tages und wohl noch länger beschäftigen wird. Er nennt Real „den Club, der, wie alle wissen, stets favorisiert wurde und es immer noch wird. Der als Club des Regimes gilt.“ Sieben Jahrzehnte lang sei das Schiedsrichterwesen quasi ununterbrochen durch Ex-Mitglieder, Ex-Spieler oder Ex-Funktionären von Real Madrid kontrolliert worden. „Und dieser Klub stellt sich als Geschädigter hin? Das erscheint mir eine nie da gewesene Übung in Zynismus.“

FLORIAN HAUPT

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