Zoff der Tennis-Stars

Ein Hoch auf die Pipi-Pause

von Redaktion

MATHIAS MÜLLER

Tennis ist im Grunde ein einfacher Sport, hat Brad Gilbert jüngst gesagt. Er hat vor rund 30 Jahren ein Buch geschrieben, das noch heute oft zitiert und gelesen wird – „Winning Ugly“. Zu Deutsch: hässlich gewinnen. Das Werk handelt von der mentalen Kriegsführung während eines Spiels. Ein Thema, das aktueller denn je ist. Im Nachgang des Achtelfinal-Duells zwischen Alexander Zverev und Daniil Medwedew in Monte Carlo entwickelte sich ein verbaler Schlagabtausch mit gegenseitigen Vorwürfen. Der Deutsche war der Meinung, dass er die enge Partie gewonnen hätte, wenn ihn die aktuelle Nummer vier der Welt nicht mit unfairen Mitteln aus der Spur gebracht hätte. Die Toilettenpause war schon zu Gilberts Zeiten ein beliebtes Mittel, um den Rhythmus des Gegners zu zerstören. Dazu muss man wissen: Tennis ist ein brutaler Kopfsport. Wer seine Gedanken schweifen lässt, verschlägt oft den nächsten Ball. Wer den Fokus verliert, gerät schnell ins Hintertreffen. Medwedew, einer der mental stärksten Spieler auf der Tour, hat es mit seinen kleinen Spielereien geschafft, Zverev abzulenken. Das hat der Deutsche im Nachgang selbstkritisch zugegeben. Einen Mentaltrainer will er trotzdem nicht.

Der übliche Handschlag am Netz war entsprechend unterkühlt. Dasselbe galt für das Ende des Halbfinals zwischen Holger Rune (Nr. 7 der Welt) und Jannik Sinner (Nr. 8), beide würdigten sich ebenfalls keines Blickes. Zverev steigt heute in die BMW Open in München ein. Der Däne Rune, der im Vorjahr so überraschend gewann, am Donnerstag. Selbstbewusst war der erst 19-Jährige, der seine Mutter vergangenes Jahr bei den French Open lautstark aus dem Stadion verbannte, schon immer. Mittlerweile trägt er dieses Selbstverständnis auch nach außen. Die kommenden Tage könnten spannend werden…

Iphitos-Zaungast Tommy Haas hat Gefallen daran. Emotionen seien ihm lieber als die ständige gegenseitige Lobhudelei, ließ er wissen. Recht hat er. Der Sport lebt von der Leidenschaft seiner Athleten und von den Zweikämpfen der großen Protagonisten. So gesehen muss dem Tennis nicht bange sein. Auch Stefanos Tsitsipas (Nr. 5) beherrscht die taktische Pipi-Pause. Und das ewige Ball-Tippen vor dem Aufschlag von Novak Djokovic (Nr. 1) geht einem sogar nur als Zuschauer schon seit Jahren auf die Nerven.

mathias.mueller@ovb.net

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