„Oli muss aktiver werden“

von Redaktion

Ex-Bayer Helmer über Kahns Fehler, Bayerns Schwachstellen und zu viel Schockverliebtheit

München – Bei seinem Tipp für das Rückspiel zwischen dem FC Bayern und Manchester City muss Thomas Helmer überlegen. „5:2“, sagt der Ex-Profi und heutige SPORT1-Moderator schließlich – also: Verlängerung. Warum dabei aber der Wunsch Vater des Gedanken ist – und er die Bayern aktuell kritisch sieht –, verrät der 57-Jährige, parallel zum Spiel übrigens im „Fantalk“ auf SPORT1 zu sehen, im Interview.

Herr Helmer, der FC Hollywood ist zurück – und Sie kennen die Sichtweise als Spieler und Journalist. Fangen wir mit der internen an: Ist das der „Worst Case“ – oder lebt der Verein nicht auch ein wenig von diesem Image?

Also als Spieler fand ich Hollywood-Zeiten an der Säbener Straße irgendwo zwischen blöd und tragisch, weil man einfach keine Ruhe bekommen hat. Witzig ist das nicht, vor allem nicht in der Menge. An so viele Baustellen wie aktuell kann ich mich eigentlich gar nicht erinnern.

Aber für Sie als Journalist ist viel geboten, oder?

(lacht) Das würde ich unterschreiben. Alles andere wäre nicht die Wahrheit.

Wie viel von all diesen Themen kommt denn bei den Spielern an?

Viel. Man diskutiert darüber, regt sich auch mal auf. Bei uns lagen die Zeitungen in der Kabine, und auch wenn man nach einem schlechten Spiel gesagt hat, man liest das alles nicht, kamen die Mitspieler an, die Familie. Man kann den Schlagzeilen – ob gedruckt oder online – nicht aus dem Weg gehen.

Man hat das Gefühl, dass seit Beginn des Jahres 2023 der Wurm drin ist beim FC Bayern. Hat sich die missliche Lage, in der man sich aktuell befindet, sukzessive aufgebaut?

Über den Punkt, alles als unglücklich oder Schicksal bezeichnen zu können, sind wir lange hinaus. Als Verein trägt man seinen Teil dazu bei. Nicht nur die Spieler, auch die Oberen können sich da der Verantwortung nicht mehr entziehen.

Sehen Sie einen Hauptverantwortlichen?

Das braucht man gar nicht. Ich sehe aber, dass es früher eine Stärke in der Führung war, dass man – wenn es um den Verein ging – an einem Strang gezogen hat. Es gab schon immer heftige Auseinandersetzungen, verschiedene Meinungen, man hat aber zusammengestanden, wenn es gezählt hat. Es darf nicht passieren, dass das nicht mehr da ist. Man muss da höllisch aufpassen!

Sind Sie bei Lothar Matthäus und Bastian Schweinsteiger, wenn es um das abhandengekommene „Mia san mia“ geht?

Mir ist das ein wenig zu hochgegriffen, zu pathetisch, alles immer darauf zu reduzieren. Ich weiß, was die beiden meinen, ich habe das auch selbst erlebt: Wenn es einem nicht gut ging, hat einen der Verein immer aufgefangen. So habe ich „mia san mia“ kennengelernt. Ich würde es aber trotzdem nicht überstrapazieren – und das sollte Lothar auch wissen. Er saß damals links neben mir, Stefan Effenberg rechts neben mir, Oli Kahn gegenüber, Jürgen Klinsmann, Mehmet Scholl, Mario Basler – was war das denn für eine Truppe? Da ist die Gruppe an Stars ja heute fast lieb und umgänglich dagegen…

Trotzdem ist auf allen Ebenen Sand im Getriebe.

Das stimmt. Und was mir dabei wirklich fehlt, ist die Kommunikation nach außen hin. Da würde ich Oliver Kahn auch in die Verantwortung nehmen, intern wie extern. Das muss er einfach aktiver werden.

Man hat ihn am Wochenende auf der Tribüne brodeln sehen, nach dem Spiel hat er nicht gesprochen. Ist das ein Muster?

Das sieht so aus. Aber genau davon würde ich ihm abraten. Nach so einem Spiel muss er sich hinstellen und sprechen! Ich betone immer gerne, dass die Fußstapfen von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge riesig sind, da sind wir uns alle einig. Man muss da reinwachsen, man eckt auch mal an, macht Fehler – das hat ja Uli auch mal gemacht, wenn er emotional war. Aber er hat sich hingestellt und Stellung bezogen. Das muss Oli auch machen! Das ist sein Job!

Kommt fehlende Rückendeckung in der Kabine an?

Natürlich! Er kann ja auch mal anderer Meinung sein. Aber er muss sich doch jetzt vor die Spieler, vor die Mannschaft, vor den neuen Trainer stellen. Zu der Entscheidung stehen, die er getroffen hat. Da reichen für mich nicht zwei, drei Sätze über die sozialen Netzwerke. Das geht in seiner Position einfach nicht.

Es wirkt, als wolle er die Rolle bewusst anders ausführen als die Vorgänger.

Er kann sie ja anders ausführen, aber das heißt nicht, dass er schweigen soll. Er kann anders auftreten als Uli, seinen eigenen Weg finden – aber er muss ihn finden. Und zwar schleunigst.

Überlässt er das sportliche Feld bewusst zum großen Teil Hasan Salihamidzic?

Das macht den Eindruck – und ist ja auch nicht verkehrt. Aber er muss mit Hasan gemeinsam eine Wand bilden. Dazu kommt Herbert Hainer, den ich schätze, der aber auch nicht der Wortführer ist. Das muss Oli von der Position her einfach sein. Sein Wort hat in sportlichen Dingen eine andere Wucht.

Auch der Sportvorstand muss sich heute Kritik anhören, obwohl er im Sommer für seine Transfers gefeiert wurde. Zurecht?

Eigentlich ist es gemein. Brazzo hat anfangs viel einstecken müssen, wurde dann – im Nachhinein muss man sagen: vielleicht zu sehr – gelobt im Sommer. Aber wir haben uns ja auch alle gefreut, dass ein Spieler wie Sadio Mané in die Bundesliga kommt. Dass der nicht funktioniert, nach seiner Verletzung nicht in Tritt kommt, kann man ja Salihamidzic nicht ankreiden. Für mich wurde er zurecht beklatscht. Aber man muss auch offen sagen, dass er versäumt hat, einen Nachfolger für Robert Lewandowski zu holen. Wenn Eric Maxim Choupo-Moting nicht funktioniert hätte, wäre das Problem noch eklatanter.

Mal salopp gesagt: Sind die beiden unantastbar – oder muss nach so einer Saison nicht alles auf dem Prüfstand stehen?

Jetzt den Stab über Oli und Hasan zu brechen, halte ich für falsch. Die beiden müssen sich freischwimmen, die Lehren aus der Saison ziehen, die richtigen Entscheidungen treffen. Stand heute ist nicht mehr allzu viel zu retten – es fällt uns ja allen schwer zu glauben, dass Bayern gegen ManCity noch weiterkommt. Und die Meisterschaft wäre auch eher ein Geschenk der Dortmunder. Davor darf man die Augen auch nicht verschließen.

Aber es heißt doch gerne, angeschlagene Bayern sind die gefährlichsten.

Das hatte ich schon gegen Hoffenheim gedacht. Normal ist der Monat April der Monat der Bayern – und ich hatte nach Manchester auf die berühmte Trotzreaktion gewartet. Aber da waren sie ja meilenweit entfernt, ganz woanders. Selbst Thomas Tuchel wirkte desillusioniert.

Was ist das aktuell in der Mannschaft: mangelnder Teamgedanke, Egos, Verunsicherung?

Eine Mischung aus allem. Was mich aber vor allem erschrocken hat in den letzten Tagen, war die Bewertung des Spiels in Manchester. Es hieß da: wir waren 60 Minuten auf Augenhöhe, haben gut gespielt. Diese Meinung teile ich überhaupt nicht. Wenn sie wirklich glauben, dass sie gut gespielt haben, dann stimmt irgendetwas nicht. Mit so einem Spiel – entschuldige! 3:0! – muss man kritisch umgehen.

War das Wort „schockverliebt“ auch von Tuchel das falsche Zeichen?

Es war too much. Man kann ja sagen, man hat gute Ansätze und Phasen gesehen, aber es gab eben auch eklatante Fehler. Die Analyse muss doch ausgewogen sein, sonst wird es gefährlich. Das Wort „schockverliebt“ hat mich – bleiben wir beim Bild – geschockt (lacht). Das nimmt einem doch keiner ab.

Die Bosse haben Tuchel auch verpflichtet, weil Sie die „kurzfristigen Saisonziele“ in Gefahr sahen. Haben Sie sich verzockt?

Verzockt ist ein hartes Wort. Aber wenn man sich die nackten Fakten anschaut, muss man diese Frage fast bejahen. Wenn das Aus in der Champions League kommt, sowieso. Wissen Sie, was ich außerdem nicht verstehe?

Bitte!

Das Argument, das mitgeschwungen ist, man habe reagieren müssen, weil Tuchel auf dem Markt war. Das Engagement mit Julian Nagelsmann war langfristig angelegt – und entweder man ist überzeugt oder nicht. Aber reagieren zu müssen, weil andere Trainer frei sind? Naja. Wenn das alle Vereine so machen, dann gute Nacht.

Trotz des Trainerwechsels offenbart so gut wie jede Position Schwachstellen. Was hat Ihnen in Manchester mehr Sorgen bereitet: die Defensive oder die Offensive?

Ich fange mal vorsichtig mit der Offensive an: Die Effektivität fehlt, das liegt aber daran, dass Leroy Sané, Kingsley Coman, Serge Gnabry und Sadio Mané vom Typ her ähnlich sind. Wenn man die an ihrer Schnelligkeit hindert, hakt das Bayern-Spiel. Die Defensive macht mir schon länger Sorgen. Und wer mir gerade überhaupt nicht gefällt, sind Joshua Kimmich und Leon Goretzka. Das sind die zentralen Positionen. Ich weiß aus Erfahrung, wie froh du als Innenverteidiger über einen funktionierenden Sechser und Achter bist. Und die fehlen aktuell, weil die beiden nicht in der richtigen Form sind.

… wodurch auch zwei Führungspersönlichkeit fehlen?

In einer Welt, in der Führungsspieler gefragt waren, könnte man das so sehen.

Apropos: Wäre eine Kabinen-Prügelei in Ihrer Zeit intern geblieben?

Sagen wir mal so: Es wäre ein bisschen später rausgekommen (lacht). Man hatte kein Handy, keine schnellen Fotos. Es ist nicht gut, aber man kann das heutzutage gar nicht mehr vermeiden. Für meinen Geschmack hätte die Stellungnahme der Bayern schneller kommen müssen. Alle reden darüber, alle spekulieren – das bringt noch mehr Unruhe.

War das der Anfang vom Ende von Mané in München?

Zu dieser ganzen Kabinen-Sache sage ich: Es muss jetzt mal gut sein. Aber er muss auch mal liefern. Er hat Vertrag, aber er gibt kein gutes Gesamtbild ab. Und es ist eine Frage der Alternativen.

Ein Stürmer muss kommen?

Auf jeden Fall. Vielleicht einer, der ein bisschen günstiger ist als die genannten Randal Kolo Muani, Victor Osimhen und Harry Kane – wobei ich mir den sowieso gar nicht gut in München vorstellen kann.

Bricht man die 100-Million-Euro-Marke?

Dann hätte man auch Haaland kaufen können… (lacht). Im Ernst: Es wird wohl teuer werden, ja.

Interview: Hanna Raif

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