Zeit für ein Wunder

von Redaktion

Der Druck ist groß: Müller beschwört vor City-Rückspiel den „Bayern-Geist“

VON MANUEL BONKE UND PHILIPP KESSLER

München – Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt – auch beim FC Bayern. „Wir wissen, dass im Fußball schon ganz andere Dinge passiert sind“, sagte deshalb Kapitän Thomas Müller und beschwörte vor dem heutigen Viertelfinal-Rückspiel (21 Uhr, DAZN) in der Champions League „diesen FC-Bayern-Geist“. Abgesehen von einzelnen Spielern glauben nach der 0:3-Hinspielpleite gegen Manchester City zwar nur die wenigstens ans Halbfinale, aber Europa-Veteran Müller, der persönlich auf 99 Siege in der Königsklasse zurückblickt, will nicht aufgeben: „Vielleicht ist was Magisches möglich.“

CEO Oliver Kahn verkündete, man „müsse alles reinhauen, um das scheinbar Unmögliche noch möglich zu machen“. Dazu braucht es aber „die totale Überzeugung und den Glauben daran“. Der Titan weiß: Sein Club hat das Wunder aus verschiedenen Gründen bitter nötig.

In erster Linie geht es um die Reputation im europäischen Spitzenfußball. Nach dem Königsklassen-Triumph im Rahmen des Champions-League-Turniers 2020 in Lissabon sind die Münchner jedes Jahr im Viertelfinale gescheitert, in der Saison 2018/2019 sogar im Achtelfinale. Den letzten Halbfinaleinzug gab es ein Jahr zuvor gegen Real Madrid. Daran hat – Stand Dienstag – auch die Transfer-Offensive im Sommer mit der Verpflichtung von Superstars wie Sadio Mané (32 Millionen Euro) oder Matthijs de Ligt (67 Millionen Fixablöse/10 Millionen Boni) und dem Kauf von vielversprechenden Talenten wie Ryan Gravenberch (18,5/6,5) plus ) und Mathys Tel (20/8,5) nichts geändert.

Der finanzielle Aspekt ist ein weiterer Grund, weshalb sich die Verantwortlichen in München ein Wunder herbeisehnen. Die vier besten Mannschaften des Kontinents erhalten zusätzlich 12,5 Millionen Euro, die Finalisten erhalten von der UEFA jeweils 15,5 Millionen Euro. Der Gewinner des Henkelpotts bekommt weitere 4,5 Millionen obendrauf. Die Teilnehmer am UEFA-Supercup erhalten später noch je 3,5 Millionen (plus eine Million für den Sieger).

Angesichts der steigenden Gehaltskosten durch die aus Spielersicht lukrativen Vertragsverlängerungen von vermeintlichen Leistungsträgern wie Serge Gnabry (geschätztes Jahresgehalt 19 Millionen Euro) oder Leon Goretzka (17 Mio.) täte diese Finanzspritze mehr als gut. Zumal die Münchner nach der Freistellung von Ex-Coach Julian Nagelsmann und der Anstellung von Thomas Tuchel derzeit zwei Trainer parallel bezahlen müssen.

Sollte Tuchel nach dem Pokal auch in der Königsklasse ausscheiden, wird der Rauswurf von Nagelsmann noch mehr in Frage gestellt werden. Ein Überraschungscoup gegen City und Pep Guardiola würde zumindest zeitweise für Ruhe im Verein sorgen. Das dürften sich vor allem die Bosse um Kahn, Sportvorstand Hasan Salihamidzic und Präsident Herbert Hainer wünschen, die aktuell massiv in der Kritik stehen.

Müller skizzierte, wie das Drehbuch aussehen könnte. „Es muss einiges in unsere Richtung laufen“, weiß der 33-Jährige, der beim Hinspiel nur spät als Joker gebracht wurde. „Wenn wir uns mal vorstellen, wir machen in der ersten Halbzeit ein Tor. Dann gehst du in die zweite Hälfte mit der Aussicht, vielleicht machst du ein zweites Tor. Und spätestens ab da kann jeder Ball, jeder Pfiff, jede Situation entscheidend sein. Möglich ist es“, sagte Müller. Tuchel schloss sich der Logik an: „Das erste Ziel ist, die erste Halbzeit zu gewinnen. Wir haben Zeit, wir müssen uns nicht gehetzt fühlen.“

Auch City-Trainer Guardiola warnte mal wieder davor, zu sicher zu sein – auch gestern auf der Pressekonferenz in München. Aus seinen drei Jahren dort (2013-16) wisse er: „Wenn du auch nur ein bisschen passiv bist, wirst du leiden.“

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