Kahn massiv unter Druck

von Redaktion

Gegenwind aus allen Richtungen, aber Bayern hält (noch) am Clubboss fest

VON HANNA RAIF UND MANUEL BONKE

München – Vergangene Woche, als der Tross des FC Bayern – und vor allem Oliver Kahn – am Flughafen Manchester vom pingeligen britischen Sicherheitspersonal auf Herz und Nieren geprüft wurde, hatte der Vorstandsvorsitzende eine aufreibende Nacht hinter sich gehabt. Die Kabinenprügelei um Sadio Mané hatte die Bosse wachgehalten, erste Krisensitzungen gab es noch vor Ort. Aber wer damals, unmittelbar nach dem 0:3 bei Manchester City, gedacht hatte, es könne nicht mehr schlimmer kommen, wurde am Donnerstag eines Besseren belehrt. Keine neun Stunden, nachdem Kahn die Allianz Arena nach dem Viertelfinal-Aus (1:1) in der Champions League verlassen hatte, setzte Jan Age Fjörtoft einen Tweet ab, der nachhallte. Der Tenor: Oliver Kahn steht als Vorstandsvorsitzender vor dem Aus. Der Wahrheitsgehalt: offiziell gering, inoffiziell etwas höher.

Dass die Vereinsobersten nicht mehr alle hinter sich versammeln, war schon am Vorabend in der Allianz Arena sichtbar geworden. Bis zur Schlussphase der Partie, in der man ja auf ein Wunder hoffte, hatte die Südkurve gewartet, dann aber konnte man in großen Lettern lesen, was die Bayern-Basis umtreibt. „Ziele dürfen verfehlt werden – Werte des Vereins nicht! Führungspolitik hinterfragen!“, so stand es rot auf weiß, auch Kahn hatte besten Blick auf die Botschaft der Fans. Der einstige Weltklasse-Keeper dürfte in diesen Momenten gemerkt haben, dass der Gegenwind ihm nicht nur von Experten und solchen, die es sein wollen, entgegenbläst, sondern das Problem ein größeres ist. Dennoch entgegnete er später auf die Frage, was Kritik dieser Art mit ihm mache, recht entschlossen: „Nichts.“

Die erwartete Rückendeckung aus dem Aufsichtsrat gab es am Donnerstag schnell. Mit den Worten „Nein, diese Gerüchte stimmen nicht“, ließ sich Präsident Herbert Hainer zitieren, man will Kahn – das ist nur logisch – stärken. Trotzdem häufen sich auch intern kritische Stimmen. Wie unsere Zeitung aus Führungskreisen erfuhr, ist der Druck auf den Nachfolger von Karl-Heinz Rummenigge massiv und stetig steigend. Das liegt zum einen an der mageren sportlichen Bilanz, zum anderen aber an Kahns Auftreten in den turbulenten zurückliegenden Wochen. Gemeinsam mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic hat er da im Zuge des Blitz-Trainerwechsels und der Moderation diverser größerer wie kleinerer Krisen nicht nur glückliche Bilder abgegeben. Im Falle des Misserfolgs – Tuchel hat nun zwei von drei Titelchancen verspielt – fällt einem das schnell auf die Füße.

Kahn selbst gab sich betont entspannt. Aus 14 Jahren Erfahrung beim FC Bayern wisse er: „Wenn man die Ziele nicht erreicht, geht es ganz schnell, da kommt Kritik hoch, das muss man akzeptieren.“ Und obwohl er im Moment „wenig Zeit“ habe, „über alles nachzudenken“, sei er ein „reflektierender Mensch“. Wenn die Saison – hoffentlich – mit einem Titel zu Ende gegangen sein wird, wolle er „in aller Ruhe vieles überdenken“. Ob er damit auch sich meinte, behielt er für sich. Zumindest aber geht er davon aus, dass er diese Zeit noch bekommt.

Der „Bild“ sagte Kahn am Donnerstag: „Ich verschwende im Moment nicht eine Sekunde daran, mir über meinen Vertrag Gedanken zu machen, es geht immer um den FC Bayern.“

Bis Ende 2024 läuft Kahns Vertrag, eine vorzeitige Verlängerung stand noch nicht im Raum. Vielmehr wird sich der Boss spätestens all den kritischen Fragen stellen müssen, wenn der Aufsichtsrat Ende Mai turnusmäßig zusammentritt. Das Verhältnis zum einflussreichen Uli Hoeneß, der Kahn einst zurück zum FC Bayern lockte, gilt inzwischen als erkaltet, während Salihamidzic vom Ehrenpräsidenten nach wie vor gestützt wird. Kurzum: Die Gemengelage ist kompliziert – und das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. Die Analyse hat erst begonnen. Es kann also – rein theoretisch – auch noch schlimmer kommen.

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