Kentert Kahn am Tegernsee?

von Redaktion

Die Fußstapfen von Hoeneß und Rummenigge könnten für den Vorstandschef zu groß sein

München – Auch ein Karl-Heinz Rummenigge ist nicht unfehlbar. So manch melancholischer Bayern-Fan mag das angesichts des aktuellen Großbrandes an der Säbener Straße denken – und hat mit Blick auf seine über 20 Jahre andauernde Tätigkeit in der Vereinsführung auch sicherlich Recht – nur: In die Zukunft konnte der jahrelange Macher des FCB auch nicht blicken. Als unsere Zeitung ihn im Sommer 2018 nach seinen, zu diesem Zeitpunkt unbekannten, Nachfolgern an der Spitze des Clubs fragte, sagte Rummenigge: „Ich bin überzeugt, dass Uli und ich uns in nicht allzu ferner Zukunft einen Mann ausgucken müssen, den wir im Umgang sicherlich unterstützen werden – der dann aber auch selber schwimmen muss. Man kann ihm vielleicht einen Rettungsreifen an den Rand legen, aber ich bin davon überzeugt, dass sie das alle gut machen werden.“

Heute weiß Rummenigge, dass seinem Nachfolger bereits nach weniger als zwei Jahren im Amt ein ähnliches Szenario droht wie seinerzeit dem Kapitän der scheinbar unsinkbaren Titanic. Im Gegensatz zum nordirischen Dampfer, der 1912 mit einem Eisberg kollidierte und sank, hat das Schicksal von Captain Kahn eher mit dem unruhigen Wellengang am Tegernsee zu tun. Dort gibt ein gewisser Uli Hoeneß zwar vor, rein formell nichts mehr mit dem Tagesgeschäft an der Säbener Straße zu tun zu haben, lässt sich von Trainern wie Tuchel vor dessen Amtsantritt aber weiterhin versichern, dass sie „gut auf seinen Club aufpassen“ werden. Was geschieht, wenn das jemand nicht tut, hat sich mit Blick auf Kahn auch in Hoeneß´ scheinbarem „Ruhestand“ nicht verändert.

Vor allem mit Blick auf die jüngste Vergangenheit seines Babys namens FC Bayern. Am 14. August 2020 zerlegt dieses den großen FC Barcelona beim historischen 8:2 in seine Einzelteile. Am 23. August hielt es den Henkelpott in die Höhe. Am 11. Februar 2021 holte es den sechsten Titel in einer Saison. Und keine fünf Monate später, am 1. Juli desselben Jahres, übernahm Kahn das operative Geschäft. Seine Bilanz seitdem: eine Schale, eine Trainerentlassung, eine Torwarttrainerentlassung, eine blutige Lippe, zwei Pokal-K.o. zwei CL-K.o. und viele aufbauende Tweets. Dabei war Sportvorstand Hasan Salihamidzic – auch nicht unschuldig, aber ein Mann von Hoeneß’ Gnaden – bereits 2018 der Meinung, bisher „mehr als meine Vorgänger in ihrer gesamten Amtszeit beim FC Bayern bewegt“ zu haben. Was Präsident Herbert Hainer denkt, lässt sich angesichts seiner raren Wortmeldungen nur vermuten. Auch er weiß, dass früher nicht alles besser war. Unter seinen Vorgängern brannte es auch mal. Außer Frage steht jedoch, dass der FCB nicht nur erfolgreicher, sondern auch greifbarer, authentischer, echter war. Mehr Kern, weniger Konzern. Die Frage, die man sich aktuell nicht nur am Tegernsee stellt, lautet daher: Ist die Münchner Titanic noch zu retten? Und wenn ja, wie? Oder hört man bald, am Ende des Tages, nur noch die Musiker spielen …  lop

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