Konditionsmonster gegen Blitzstarter

von Redaktion

DEL-Finale, Teil vier: Ingolstadt und München mit unterschiedlichen Stärken und Phasen

VON GÜNTER KLEIN

München – Dem EHC München ist es in zwei der bisher drei Finalspiele passiert: Er verlor das letzte Drittel. Im ersten Match konnte er einen Zwei-Tore-Vorsprung, den er nach 40 Minuten hatte, über die Zeit retten (Endstand: 2:1), im dritten nicht. Eine 3:2-Führung entglitt dem Hauptrundensieger der Deutschen Eishockey Liga, binnen 42 Sekunden flogen zweimal Ingolstädter Spieler an seiner Abwehr vorbei. „Wir wollten Druck auf sie ausüben, doch sie waren schneller, wir haben sie nicht gekriegt“, resümierte Münchens Trainer Don Jackson. Sein Ingolstädter Kollege Mark French sah sich bestätigt: „We are a third period team.“ Das heißt: Der ERCI ist gut darin, das letzte Drittel für sich zu entscheiden – und Spiele oft noch zu drehen. Ein Gegner, der nicht aufgibt und sein Spiel in den finalen 20 Minuten noch aufziehen kann, ist für den Final-Favoriten München vor der vierten Begegnung (Freitag, 19.30 Uhr, in Ingolstadt, Magentasport) zur Gefahr geworden.

Es ist nicht nur ein Eindruck, sondern mit statistischen Fakten belegbar, dass das dritte Drittel meist dem ERC Ingolstadt gehört. In den 56 Spielen der Hauptrunde kam er zwischen 41. und 60. Minute zu 67:43 Toren, nur die Straubing Tigers konnten das toppen (73:47). In den Playoffs stehen 19:8 Treffer für Ingolstadt zu Buche, für den EHC München im Vergleich 16:11. Auch nicht schlecht, aber eine Nummer kleiner.

„Wir beschreiben uns selber als das beste Team der Liga im letzten Drittel, wir sagen das oft zueinander in der Kabine“, verrät Wojciech Stachowiak (23), der schon drei Tore in den Playoffs gegen München geschossen hat. „Aber wir haben auch was dafür getan, dass wir das können. Jeder von uns hat eine gute Ausdauer.“

Für Mark French ist Konditionsarbeit ein wesentlicher Faktor des Erfolgs: „Wir haben die Jungs überzeugt, dass sie in der Saisonvorbereitung viel Zeit im Gym verbringen.“ Es brauchte dann nur einiger Belege in der Praxis des Liga-Alltags, „dass wir diesen Glauben etabliert haben. Seitdem haben wir die Erinnerung, dass wir das tun können. Die Spieler rufen diese Erinnerung immer wieder ab.“ Im fünften Viertelfinale gegen Düsseldorf machte der ERC in den letzten zehn Minuten ein 3:6 wett, der Ausgleich gelang neun Sekunden vor der Sirene (in der Verlängerung gewann man dann). Derzeit kommt dazu, „dass wir mit vier Reihen gehen können“, so French. In der Hauptrunde hatte der ERCI wegen Verletzungen oft mit dreien klarkommen müssen – es war aber zumindest gute Konditionsschulung.

Und so erinnern die Ingolstädter an ihr Meisterjahr 2014. Auch damals zehrten sie in den Playoffs, in die sie von Rang neun aus gingen, von ihrer körperlichen Unverwüstlichkeit. Der Unterschied zu heute: Mark French bringt seiner Mannschaft die harten Work-outs argumentativ nahe, der Schwede Niklas Sundblad führte vor neun Jahren ein Regime, das einen Dauerkonflikt zwischen ihm und den Spielern zur Folge hatte. Der Erfolgscoach wechselte nach Köln, Ingolstadt atmete trotz des sensationellen Titelgewinns auf. Der Vernunftmensch French indes wird von seiner Mannschaft geliebt.

„Dieses Spiel hat unser Selbstvertrauen aufgebaut, der Zug wird weiterrollen“, kündigte Ingolstadts Stürmer Ty Ronning nach dem 4:3-Sieg in München an, mit der die Serie auf 1:2 verkürzt wurde. „Wir haben jetzt das Momentum, wollen es kontrollieren und halten.“

Allerdings hat der ERC Probleme, in Spiele hineinzufinden, 10:9 Tore lautet in den Playoffs sein Erstdrittel-Ertrag, im zweiten Drittel (8:17) hängt er sogar regelrecht durch (8:17). München wiederum ist für seine guten Starts bekannt (18:9 Tore). Auch in der Hauptrunde lagen beide Teams in der Ausbeute des ersten Drittels weit auseinander: München verzeichnete mit 62:29 Toren Liga-Bestwert, Ingolstadt kam auf 51:47.

„München kommt hart aus der Kabine“, „München legt los wie die Feuerwehr“ – Sätze, die fast jeder DEL-Trainer diese Saison schon anerkennend gesagt hat. Einen Blitzstart hat der EHC auch für das vierte Spiel im Sinn. „Sobald der Puck aufs Eis schlägt, geht es darum, das Momentum zu bekommen. Das kann schon mit dem ersten Zweikampf geschehen, dem ersten Check, dem ersten Schuss“, blickt Maxi Kastner vom EHC voraus auf die ersten Minuten ab Freitag, 19.30 Uhr.

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